Das Dilemma hochsensibler Männer

Kollision mit dem männlichen Rollenbild

Männchen, das sich angesichts der männlichen Statussymbole ratlos den Kopf kratzt

Hochsensible oder feinfühlige Männer haben es nicht leicht. Denn sie kollidieren in besonderem Maße mit dem kollektiven männlichen Rollenbild. Obwohl sich althergebrachte Rollenbilder mehr und mehr auflösen. Obwohl sich immer mehr Männer und Frauen trauen, ihrem ganz eigenen Lebensstil zu folgen. Obwohl Männer inzwischen in Berufen willkommen sind, in denen Feingefühl gefordert ist. Obwohl Männer nun auch Hausmann und Vollzeitpapa sein dürfen. - In vielen Köpfen ist immer noch ein ganz bestimmtes männliches Rollenbild fest verankert:

 

Das Bild, das den Mann als den Versorger und Beschützer seiner Familie zementiert. Das den Mann als leistungs- und wettbewerbsorientiert, sportbegeistert und stark skizziert.

 

Introvertierte, hochsensible oder feinfühlige Männer passen aber noch viel weniger in dieses Bild als viele andere Männer!

 

Die Weichei-Falle

Hochsensible Frauen haben es da möglicherweise leichter. Denn Frauen wird per se mehr Feinfühligkeit und Emotionalität unterstellt. Ist diese Feinfühligkeit besonders stark ausgeprägt, mag so manch Außenstehender behaupten, Frau sei halt etwas überspannt oder hormonell bedingt sehr reizbar. Dennoch wird Frauen ihre zarte Seite eher zum Vorteil ausgelegt, während empfindsame Männer schnell zu Weicheiern degradiert werden. Feinfühligkeit und Hochsensibilität passen schlichtweg besser ins weibliche als ins männliche Rollenbild.

 

Fehlender Austausch unter Männern

Für Frauen scheint es auch sehr viel leichter zu sein, sich mit Freundinnen zu besprechen. Ihre Sorgen, Ängste und Nöte mitzuteilen und um Rat zu fragen. Außer unter schwulen Männern oder in alternativen, spirituellen oder esoterischen Kreisen scheint es jedoch nicht üblich zu sein, dass sich Männer über ihre Nöte austauschen und einander Rat geben. Deswegen werden sich hochsensible Männer wohl noch häufiger als hochsensible Frauen einsam und „verkehrt“, eben nicht der Norm entsprechend fühlen. Sie werden sich deshalb unter Umständen selten erlauben, so zartfühlend zu sein, wie sie eigentlich sind. Besonders dann nicht, wenn sie in einem beruflichen Umfeld tätig sind, das das klassische Männerbild betont und ein Ausbrechen den Verlust von Karrieremöglichkeiten bedeutet. Und auch dann nicht, wenn sie mit einer Frau leiert sind, die sich einen „starken“ Mann an ihrer Seite wünscht und dabei an körperliche Robustheit und karrierebewusste, finanzielle Potenz denkt.

 

Den passenden Platz finden

Glücklicherweise hat sich unsere Wirtschaft so vielfältig entwickelt, dass sich für Männer wie Frauen reichliche Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung bieten. So finden auch feinfühlige Männer ihren Platz in Unternehmen, die Wert auf achtsame Mitarbeiterführung legen, freie Arbeitszeiteinteilung ermöglichen und ein gutes Raum- und Arbeitsklima pflegen. Doch ist sich der Betreffende nicht bewusst, dass er (oder sie) hochsensibel ist und einen eben solchen Arbeitsplatz dringend braucht, um nicht auszubrennen, wird er (oder sie) sehr schnell an seine Grenzen stoßen.

 

Ermutigung

Deshalb möchte ich mit diesem Artikel ganz besonders die vom üblichen Alltag gestressten Männer ermutigen, sich der Idee zu öffnen, dass sie hochsensibel sein könnten. Denn ist diese Erkenntnis gewonnen, lässt sich in der Regel der perfekte Platz im beruflichen und privaten Umfeld finden. Je besser wir um unsere Besonderheiten wissen, je weniger wir vermeintlich unpassende Anteile unterdrücken, um besser funktionieren zu können, desto erfüllter und stressfreier wird unser Leben. Egal ob Mann oder Frau! :-)

 

Herzlichst,

Ihre Inga Dalhoff

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Sascha (Samstag, 23 April 2016 11:37)

    Liebe Inga,

    vielen Dank für diesen tollen Artikel! Man(n) sollte viel häufiger zu seiner Sensibilität stehen ;)

    Herzliche Grüße
    Sascha

  • #2

    Novalis (Samstag, 23 April 2016 13:49)

    Hallo Sascha,
    mit Verlaub, - und durchaus wohlwollend gemeint, - ist dies alles, - was Du zu dieser Website bzw. Initiative zu sagen hast??
    Nein, ich möchte nicht anmaßend sein. - Aber, wenn Du dich mit der Thematik der (bzw. Deiner?) Hochsensibilität ernsthaft auseinandersetzt, dann dürfte Dir das krasse Missverhältnis aufgefallen sein, wie viele Frauen, - und wie viele Männer sich dieser, - wohlgemerkt aus eigener Initiative... öffnen.

    Und was mich dabei besonders umtreibt, ist die Tatsache, dass es ausgerechnet eine Frau ist, (...sein muss?) die diese Thematik so pointiert anspricht. *

    Allein dieses Faktum sagt mehr über uns Männer aus, - ob HSP oder auch nicht... - als eben über die Initiative von Frau Dalhoff! - Übrigens: Besten Dank an Sie!
    Ich bin Organisator von HS-Selbsthilfegruppen und habe mich von Anfang an gewundert, dass auf etwa 12-13 Frauen nur ein Mann kam.
    Einer der Wenigen, 38 Jahre alt, gut aussehend und in einer beruflichen Führungsperson, - wurde von seiner Mutter zu mir geschickt! - Bingo!!

    Und, als ich dieses Missverhältnis einmal offen thematisiert hatte, sagte mir ein (betroffener) Psychotherapeut: "...dann geh mal in eine Gruppe der anonymen Alkoholiker, da findest du sie. Alle. Dort ist das Geschlechterverhältnis meist genau umgekehrt. Er war Alkoholiker.

    Worauf ich hinaus will: Gerade weil du Mann und nach eigenem Bekenntnis HSP bist, - kann diese Thematik nicht an Dir vorübergegangen sein.
    OK! - Wir leben im Jahrhundert der Frau! Dies sollte aber kein Grund sein es wieder einmal ihnen zu überlassen, diese unsere überwiegend mutlos, resignierten, - und allzu oft in die Vereinsamung abgedrifteten HS-Geschlechtsgenossen - aus ihrer Isolation zu holen.

    Wär doch was, oder? -

    Mit herzlichem Gruß
    Novalis

    * ...interessant wäre eigentlich die Motivation.


    ,

  • #3

    Sascha (Sonntag, 24 April 2016 12:38)

    Lieber Novalis,

    man spürt deine Leidenschaft für dieses Thema.
    Und wie du schreibst, bist du auch aktiv in dem Bereich (Organisation von HSP-Selbsthilfegruppen). Finde ich toll, weiter so! Jede Selbsthilfegruppe und/oder jeder HSP-Stammtisch ist ein Gewinn für uns Hochsensible.
    Ich selbst habe schon gut besuchte Workshops für hochsensible Männer gegeben und plane zukünftig Weitere zu veranstalten. Mir liegt das Thema - als hochsensibler Mann - also nicht nur am Herzen, sondern es ist mir auch durchaus geläufig ;)
    Nichtsdestotrotz muss ich nicht alles was mir zu einem Thema einfällt als Kommentar abgeben :) Da gibt es andere Möglichkeiten sich untereinander auszutauschen: HSP-Facebook-Gruppen, HSP-Foren, Workshops, lokale HSP-Gruppen usw.

    Herzliche Grüße

    Sascha

  • #4

    Inga Dalhoff (Dienstag, 26 April 2016 10:47)

    Lieber Sascha, lieber Novalis,

    herzlichen Dank für eure Kommentare! Ich freue mich sehr, dass ich mit dem Artikel nun endlich auch die zartfühlenden Männer erreiche. :-) Denn auch bei meinen zart stark Treffs sind in der Regel (fast) nur Frauen anzutreffen. Deshalb freut es mich sehr zu lesen, dass Männer bei euch den Raum zu Aussprache und Erfahrungsaustausch finden.

    Meinem Empfinden nach leben wir gar nicht unbedingt im Jahrhundert der Frau, wie du es schreibst, Novalis. Ich habe das Gefühl, das wir in einer Zeit leben, in der die weiblichen Qualitäten wieder mehr Raum gewinnen dürfen. Sowohl im Leben von uns Frauen als auch im Leben von euch Männern. Somit stehen wir also vor ähnlichen Herausforderungen. Aber es besteht eben auch die großartige Chance, dass wir wieder zu einer gesunden Balance von Yin und Yang zurückfinden und Sensibilität nicht mehr als hinderlich, sondern als Schatz empfunden werden kann - von Frau UND Mann.

    Ich wünsche euch beiden sehr viel Erfolg bei eurer wertvollen Arbeit!

    Habt eine gute Zeit, Inga