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Wie erkenne ich, ob mein Kind hochsensibel ist?

Eine Checkliste für Eltern

gezeichnete Mutter mit Kind

Immer häufiger rufen mich LeserInnen meines Blogs an und fragen mich, wie sie erkennen können, ob ihr Kind hochsensibel ist. Oftmals haben sie ein Buch über das Thema Hochsensibilität gelesen und zunächst einmal festgestellt, dass sie selbst hochsensibel sind. Da liegt die Vermutung nah, dass auch das eigene Kind / die Kinder hochsensibel sein könnten. Andere wurden von Dritten auf das Thema Hochsensibilität hingewiesen und fühlten sich gleich davon angesprochen.

 

Hochsensible egal welchen Alters nehmen sehr viel mehr Sinneseindrücke auf als Normalsensible. Und Sie bewegen diese Eindrücke sehr detailliert in sich. Sie brauchen also mehr Rückzug, um Erlebtes zu verarbeiten und stoßen in einer Leistungsgesellschaft mit entsprechendem Schulsystem schneller an ihre Grenzen.

 

Es ist bereits viel getan, wenn man um die eigene oder um die Hochsensibilität des eigenen Kindes weiß, Verständnis für die Andersartigkeit aufbringt und die Grenzen des Machbaren neu justiert.

 

Die Eigenschaften Hochsensibler sind altersübergreifend gleich

Die Talente und Eigenschaften hochsensibler Kinder unterscheiden sich nicht von denen hochsensibler Erwachsener.

 

Je jünger Kinder sind, desto schwieriger ist es allerdings für Eltern und Pädagogen zu erkennen, ob Kinder hochsensibel sein könnten oder nicht. Denn die Kinder können sich noch nicht in vollem Umfang erklären, ihre Bedürfnisse nicht immer unmissverständlich verdeutlichen und schon gar nicht erklären.

 

Damit du leichter herausfinden kannst, ob dein Kind hochsensibel ist, habe ich dir eine Liste von 36 Qualitäten zusammengestellt, die du weiter unten im Artikel findest. Indem du die Sachverhalte prüfst und schaust, was auf dein Kind zutrifft, findest du recht einfach heraus, ob dein Kind hochsensibel ist.

 

Extrovertierte und introvertierte hochsensible Kinder sind verschieden

Doch vorab sei angemerkt, dass es auch unter hochsensiblen Kindern die Introvertierten (ca. zwei Drittel) und die Extrovertierten (ca. ein Drittel) gibt. Die extrovertierten hochsensiblen Kinder lieben anders als die introvertierten hochsensiblen Kinder den Kontakt mit anderen und suchen alles Lebendige.

 

Deshalb ist es für sie noch viel schwieriger als für introvertierte hochsensible Kinder, in eine innere Balance und Ausgeglichenheit zu finden. Sie werden also weniger häufig in den Rückzug gehen und selbstgenügsam Zeit mit sich verbringen als ihre introvertierten Altersgenossen. Und das, obwohl sie diese Ruhe aufgrund des Mehr an Eindrücken dringend bräuchten. Ihre Stressreaktionen werden deshalb entsprechend stark ausfallen (Wut, Geschrei, Schlafstörungen, motorische Unruhe oder psychosomatische Erkrankungen).

 

Extrovertierte hochsensible Kinder sind schwerer als hochsensibel zu erkennen. Eben weil sie sehr lebendig und kontaktfreudig sind und in ihren Stressreaktionen sehr heftig sein können.

 

Jungs und Mädchen ticken unterschiedlich

Auch habe ich einen starken Unterschied zwischen hochsensiblen Mädchen und Jungen beobachtet. Mein Eindruck ist, dass hochsensible Mädchen aufgrund des kollektiven Rollenbilds, aber auch aufgrund ihrer besseren kommunikativen und verbindenden Fähigkeiten eher in eine Überanpassung rutschen.

 

Hochsensible Jungs scheinen öfter Gefahr zu laufen, von ihrer Andersartigkeit „übermannt“ zu werden. Sie kollidieren stärker mit ihrem Rollenbild, fühlen sich noch vehementer als Außenseiter und reagieren, wenn sie sich verbal nicht gut ausdrücken können, mit großer Wut, viel Widerstand und wenig Anpassung an ihr Umfeld.

 

Aber auch hier gibt es natürlich keine Verallgemeinerung. Selbstverständlich gibt es auch rebellische Mädchen und sehr angepasste hochsensible Jungs. :-)

 

Wie du mit Hilfe des folgenden Aussage-Katalogs Klarheit gewinnst

Der unten aufgeführte Aussage-Katalog, der dich bei der Klärung der Frage, ob dein Kind hochsensibel ist, unterstützen soll, kann dieser Vielfalt des Verhaltens hochsensibler Kinder nicht ganz gerecht werden.

 

Solltest du anhand dieses Artikels noch keine Klarheit über die potenzielle Hochsensibilität deines Kindes gewinnen können, empfehle ich dir die Lektüre diverser Bücher über die Hochsensibilität bei Kindern. Je mehr du in die Materie einsteigst, desto leichter wird es dir fallen, dein Kind zu verstehen.

 

Vielleicht reicht aber auch schon die liebevolle Annahme deines Kindes mit all seinen Ecken und Kanten, mit seinen Begabungen und Eigenheiten, ohne es einer „Schublade“ zuzuordnen. Ich denke wir alle wissen, dass Liebe das Allheilmittel für die Ängste, Sorgen und Nöte unserer Kinder ist. ;-)

 

Nun aber zum Aussagenkatalog:

 

Prüfe, was auf dein Kind zutrifft.

1 Mein Kind ist sehr harmoniebedürftig. Es kann Spannungen in der Familie schlecht aushalten und versucht ausgleichend einzugreifen.

 

2 Meinem Kind gehen Streitigkeiten lange nach. Im Umgang mit anderen Kindern versucht es eher Streit zu vermeiden. Deshalb wirkt es manchmal so, als wäre mein Kind nicht durchsetzungsstark.

 

3 Mein Kind verfügt nicht gerade über ein dickes Fell. Geht es einmal lauter zu, ist es stressig oder hat jemand aus der Familie schlechte Laune, nimmt mein Kind das schnell persönlich und ist sehr betroffen.

 

4 Mein Kind mag ruhige Spiele und Beschäftigungen.

 

5 Mein Kind hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzt sich für andere ein.

 

6 Mein Kind hat nach der Schule oder nach lauten Freizeitaktivitäten ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Stille.

 

7 Mein Kind leidet öfter und besonders nach anstrengenden Phasen oder aufwühlenden Erlebnissen an psychosomatischen Krankheiten wie Erkältungen, Hautkrankheiten, Kopfweh, Bauchschmerzen oder Übelkeit.

 

8 Mein Kind ist feinsinnig und liebt das Schöne.

 

9 Mein Kind ist sehr mitfühlend mit anderen, mit Tieren und Pflanzen.

 

10 Mein Kind stellt sich nur langsam und oft ungern auf Neuerungen ein. Schulwechsel, Umzug, Reisen, neue Erzieher oder Lehrer werden nur zögernd angenommen. Vertrauen wird langsam aufgebaut.

 

11 Mein Kind ist sehr perfektionistisch und scheitert häufig an den eigenen Ansprüchen.

 

12 Mein Kind ist sehr kreativ und verfügt über eine überbordende Fantasie.

 

13 Mein Kind wirkt eher wie ein Einzelgänger, ist schüchtern oder zurückhaltend.

 

14 Mein Kind ekelt sich schnell.

 

15 Schmutzige, kratzige oder nasse Kleidung ist für mein Kind kaum auszuhalten.

 

16 Mein Kind scheint schnell in einen Zustand der Reizüberflutung zu kommen. Dann fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren.

 

17 Mein Kind braucht sehr viel Schlaf, kann aber nach aufwühlenden Erlebnissen schlecht einschlafen.

 

18 Mein Kind ist ein sehr wachsamer Beobachter und nimmt viele Details wahr.

 

19 Mein Kind verbringt manchmal lieber Zeit mit Älteren oder Erwachsenen. Unter Gleichaltrigen scheint es sich irgendwie „anders“ zu fühlen.

 

20 Mein Kind stellt sehr tiefgreifende Fragen oder trifft sehr „erwachsene“ Aussagen. Manchmal wirkt es altklug, weise oder wissend.

 

21 Mein Kind spricht manchmal von Geistwesen, Engeln, Traumwesen.

 

22 Mein Kind kann sehr genau benennen, wie es anderen geht.

 

23 Mein Kind liebt Musik, Farben, Schönheit.

 

24 Mein Kind ist sehr schreckhaft.

 

25 Mein Kind ist geruchs- oder lichtempfindlich. Es reagiert stark auf Kälte und / oder Hitze. Es mag keine stark gewürzten Speisen.

 

26 Mein Kind kann mit Kritik schlecht umgehen. Es reagiert mit Wut, Verzweiflung manchmal tiefer Traurigkeit auf Bewertungen (z.B. im Streit, im Konflikt, aber auch im Spiel (kann schlecht verlieren) oder in der Schule (schlechte Schulnoten)).

 

27 Mein Kind scheint oft von Selbstzweifeln befallen. Es ist streng mit sich selbst und stellt hohe Ansprüche an sich und andere. Manchmal traut es sich nicht, mir von schlechten Schulnoten zu berichten oder einen Fehler einzugestehen.

 

28 Manchmal fühlt sich mein Kind sehr schlapp, kann sich kaum mehr konzentrieren und ist wackelig auf den Beinen. Oft entwickelt es in solchen Situationen Heißhungerattacken.

 

29 Auf ein Gespräch auf Augenhöhe oder auf eine sanfte Rüge reagiert mein Kind sehr einsichtig. Strafen oder große Strenge lösen bei meinem Kind eher Traurigkeit, Wut, Angst oder Widerstand aus.

 

30 Mein Kind wirkt fast überangepasst. Mein Kind scheint die Erwartungen anderer zu erahnen und im vorwegnehmenden Gehorsam zu erfüllen.

 

31 Mein Kind reagiert wütend und ablehnend auf Lügen (geschönte Wahrheiten). Wenn ich aus erzieherischen oder anderen Gründen zu einer Notlüge oder Flunkerei greife, enttarnt mich mein Kind schnell.

 

32 Mein Kind nimmt Autoritäten nur dann ernst, wenn diese über eine natürliche Autorität verfügen. „Autoritäten“, die ihnen als solche vorgesetzt werden (z.B. Lehrer), aber keine echte Autorität verkörpern, werden nicht akzeptiert. Befohlenes wird dann nicht befolgt.

 

33 Mein Kind hinterfragt die Dinge stark. Wenn etwas für mein Kind keinen Sinn ergibt, dann verweigert es sich.

 

34 Mein Kind braucht Zeit für die Entscheidungsfindung. Es macht sich viele Gedanken über weitreichende Konsequenzen seiner Entscheidung und bezieht viele Details in seine Entscheidungsfindung ein. Manchmal wirkt es deshalb unentschieden.

 

35 Mein Kind verfügt eher über einen vernetzten Denkstil (z.B. Vielbegabung, kaum Spezialistentum, kreative Begabung) als über einen analytischen (z.B. mathematische Begabung, Inselbegabungen, Spezialistenwissen). Eher bei älteren Schulkindern zu erkennen.

 

36 Mein Kind scheint häufiger als seine Altersgenossen ganz in seiner (Fantasie-) Welt zu versinken. Es ist dann nicht ansprechbar.

 

Mein Kind ist hochsensibel, was nun?

Hast du dein Kind wiedererkannt? Wenn du bei mehr als 25 der aufgelisteten Punkte mehrheitliche Zustimmung in dir spürst, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Kind hochsensibel ist.

 

Wenn dein Kind tatsächlich hochsensibel ist, was bedeutet das dann für dich und deine Familie? Wie wirkt sich das auf euren Alltag aus? Und wie wirst du dir selbst und deinem hochsensiblen Kind gerecht?

 

Die kurze Antwort lautet: Entschleunige euren Alltag, verplane so wenig Zeit wie möglich für klassische Freizeitaktivitäten. Verbringt eure Zeit stattdessen mehr mit Ruhe, Erholung in der Natur, mit Koch- und Essgenuss, u.ä. Mehr Tipps für einen gelungenen Alltag mit hochsensiblen Kindern findest du in meinem nächsten Artikel. :-)

 

Derweil wünsche ich dir eine entspannte Zeit, in der die Erkenntnisse über dein Kind in aller Ruhe in dir reifen können.

 

zart starke Grüße

deine Inga

  

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Kommentare: 19
  • #1

    Judith Meier (Montag, 16 April 2018 17:02)

    Liebe Frau Dalhoff

    Unsere Tochter ist 5 Jahre alt und unserer Meinung nach hochsensibel (auch ich und mein Mann finden uns in Ihrer Beschreibung wieder). Unsere Tochter ist im Kindergarten immer wieder emotional überfordert, muss dann weinen. Intellektuell ist sie dagegegen sehr stark, nimmt dies für sich jedoch nicht so wahr (sehr hart mit sich, will die beste sein...) Im Sommer soll sie in die Schule kommen. Da sie gerade am Stichtag geboren ist, wird sie dort die jüngste sein. Wir überlegen uns nun, unsere Tochter ein weiteres Kindergartenjahr machen zu lassen, wobei das ein rechter Kampf mit den Behörden sein wird. Was meinen Sie dazu? Sind hochsensible Kinder in der emotionalen Entwicklung quasi 'jünger' als andere?

  • #2

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 19 April 2018 11:37)

    Liebe Judith,

    ganz herzlichen Dank für Ihre Offenheit. Ihre Frage ist bestimmt auch für andere Eltern sehr spannend. Allerdings fällt es mir gerade schwer, eine eindeutige Antwort mit einer klaren Handlungsempfehlung zu geben.

    Mein Eindruck ist, dass hochsensible Kinder genauso wie alle anderen Kinder ihren ganz einzigartigen und individuellen Entwicklungs- und Entfaltungsweg gehen. Sie scheinen ihrer ganz eigenen Weisheit zu folgen. Und für mich ist es immer wieder grandios zu erleben, wie entspannt das Beisammensein mit Kindern jeglicher Mentalität für mich ist, wenn ich dieser Weisheit vertraue. Wenn ich mich nicht übermannen lasse von der Idee, Kinder müssten in einem speziellen Alter dieses oder jenes können - so oder so sein. ;-)

    Hochsensible Kinder können meiner Erfahrung nach insbesondere in größeren heterogenen Gruppen emotional schneller überfordert sein und deshalb den Eindruck vermitteln, sie könnten soziale Aufgaben nicht so gut meistern wie andere Kinder. Ich empfinde sie aber nicht als „jünger“ als andere Kinder.

    Wenn Ihre Tochter im vertrauten Rahmen oder wenn sie z.B. nur mit ein, zwei anderen Kindern beisammen ist, keine Schwierigkeiten mit der emotionalen Bewältigung der Situation hat, dann könnte ihr Verhalten im Kindergarten einfach nur darauf hindeuten, dass sie dort zu vielen Eindrücken ausgesetzt ist, die sie nicht zu bewältigen weiß. Oder dass es dort Unstimmigkeiten gibt, die sie nicht auszuräumen weiß.
    Was im Umkehrschluss für mich bedeutet, dass Ihre Tochter emotional sehr wohl sehr kompetent ist, aber mit zu vielen Eindrücken / Unstimmigkeiten überfordert ist – ob nun im Kindergarten oder in der Grundschule. Es wäre in dem Fall also die Frage, wie Ihre Tochter bei der Bewältigung von Eindrücken (auch) durch Erzieher und Lehrer unterstützt werden könnte.

    Und wenn ich es recht gelesen habe, dann ist Ihre Tochter kognitiv sehr begabt. Es wäre also u.U. auch die Frage zu klären, ob ein weiteres Jahr im Kindergarten eine geistige Unterforderung Ihrer Tochter bedeuten würde und wie sich das auf ihr Wohlbefinden auswirken könnte.

    Viele Familien, die ich kennenlernen durfte, haben die so wichtige und komplexe „Einschulungsfrage“ mit Hilfe von systemischen Aufstellungen oder kinesiologischen Tests geklärt. Sprich, sie haben die „Weisheit“ aller Familienmitglieder, insbesondere die des Kindes einbezogen, um eine stimmige Entscheidung zu treffen.

    Jede Familie hat ihre eigenen Vorlieben. Wenn Sie sich angesprochen fühlen, dann melden Sie sich gern bei mir.

    Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage ein klein wenig beantworten.
    Herzliche Grüße,
    Ihre Inga Dalhoff

  • #3

    Christin (Dienstag, 02 April 2019 12:06)

    Vielen vielen Dank für diesen Artikel!!!! Ich habe bereits eine große Tochter, wo ich die hochsensibilität leicht erkennen konnte. Sie ist introvertiert.
    Kind Nummer 3, ein Junge, ist extrovertiert und begeisterungsfähig. Aber sehr sensibel. Sehr...
    Ich habe mir zunächst Bücher gekauft über anstrengende Kinder. Seine hochsensibilität eher als "schwierig" wahrgenommen.
    Er war immer ein sehr anhängliches Kind. Kindergarten war ihm ein greuel. Aber die richtigen Schwierigkeiten kamen in der Schule. Durch ein Augenleiden zusätzlich gehandicapt, wurden die Schwierigkeiten mit schulwechsel etc. riesig und brachten ihn und mich an unsere Grenzen. Viele Ängste. Sehr starkes Bedürfnis nach Sicherheit. Alles mitmachen wollen, viel erleben wollen, dann aber völlig überdreht.
    Streit erträgt er kaum. Konflikte belasten ihn sehr.
    Nun ist er 11 Jahre und wir geben ihm nochmal ganz viel Halt, viel Ruhe ....
    Etwas besseres fällt mir nicht ein. Haben Sie noch einen Tip?
    Herzlichst
    Christin

  • #4

    Inga Dalhoff (Mittwoch, 03 April 2019 10:49)

    Liebe Christin,

    ganz herzlichen Dank für dein Feedback und dafür, dass du deine Erfahrungen so offen teilst! Es klingt als hättet ihr wirklich viel durchgemacht und ich stelle mir das sehr erschöpfend für alle Beteiligten vor.

    Aus der Ferne und ohne die genauen Umstände zu kennen, finde ich es immer recht schwer, fundierte Tipps zu geben. Für mich ist die elterliche, bedingungslose Liebe und der Glaube an die Vollkommenheit des Kindes das Allheilmittel für jedes Kind und das seid ihr ja ganz offensichtlich bereit zu schenken. Ich finde: Jeder Mensch ist genau richtig wie er ist, aber das (Schul-) System kann der Vielfalt der Kinder einfach nicht mehr gerecht werden.

    Einige Eltern, mit denen ich gesprochen habe, haben sich deshalb für alternative Schulformen wie Montessori oder Waldorf entschieden oder sogar den steinigen Weg des Home- oder Unschooling beschritten, der in Deutschland leider mit der aktuellen Rechtslage kollidiert. Andere Eltern pflegen sehr intensiven Kontakt mit den Lehrern und finden stimmige Lösungen.

    Wie schaut es denn mit der Offenheit für Entspannungsmethoden bei eurem Sohn aus? Könnte es ihm helfen, einfache Entspannungsübungen und Methoden der Selbstregulation zu erlernen?
    Und könnte es noch etwas geben, dass eurem Sohn zusätzlich zu dem, was ihr bereits für ihn tut, Sicherheit schenkt? Ihm hilft, seine Ängste zu meistern?

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Hochsensibilität nur dann zu einer besonders schwer empfundenen Last wird, wenn zur Hochsensibilität eine eingeschränkte Fähigkeit zur Stressbewältigung hinzukommt. Das kann seine Auslöser in einer schwierigen Geburt oder in einem Unfall in frühkindlicher Zeit haben. Ein solches "Trauma" beeinflusst die Entwicklung des Nervensystems und führt zu erhöhter Stressanfälligkeit, die über die der Hochsensibilität hinausgeht. Es gibt Therapeuten, die das aufgreifen. Wenn das dein Interesse weckt, horche ich mich gern um, ob ich einen Kontakt vermitteln kann.

    Nun wünsche ich euch alles erdenklich Gute, viel Kraft, Vertrauen und Unterstützung!

    Alles Liebe, dein und eure Inga

  • #5

    Nadine (Montag, 08 April 2019 11:13)

    Auch ich finde diesen Artikel interessant und finde mich wieder. Zumindest was meine Kindheit angeht.
    Meinen Sohn kann ich auch bei vielen Fragen wiederfinden, aber ob er hochsensibel ist, kann ich nicht sagen. Ich habe immer gesagt, er hätte Autistische Züge, weil ich nicht erklären konnte, was ich meine. Denn nicht die Kommunikation mit bekannten Menschen ist das Problem, sondern das zwanghafte klammern an gewohnten Strukturen. Das Abweichen von einem immer da gewesenen Ablauf ist oft abenteuerlich. Kommunikation mit unbekannten fällt ihm schwer oder möchte er einfach nicht. Also nur "Guten Tag" sagen ist fast nicht möglich. Bei der Kommunikation einne lange Anlaufphase (mittlerweiler ist er 5 und es dauert nur noch 45 Minuten) und dann plappert er wie ein Wasserfall.
    Er hatte schon als Kind Probleme mit zu vielen Menschen. Beispiel Geburtstag, 7 Personen, er schrie. Weihnachtsmarkt im Kinderwagen, er schrie. Auf Kinder zugehen fällt ihm schwer. Er sieht Kleinigkeiten sofort. Er braucht für alles was neu ist eine sehr lange Anlaufphase. D.h. erst einmal schaut er nur zu. Muss genötigt werden mit zu machen. Dann irgendwann macht es Spass. Während Kinderfeste, Kirmes etc anderen Kindern Spass macht, möchte er daran nicht teilnehmen. Zu viel für ihn. Er verweigert sich oft und steht sich damit selbst im Weg. Seine Umgebung sagt dann immer er hätte einen Knick im Kopf. Keiner schafft diesen dann zu lösen. 39 Kinder auf einem Kindergarten Photo. Eines nicht. Unseres. Alles was man mit Druck versucht zu erziehen schlägt fehlt. Entweder kommt es von allein oder gar nicht. Er sieht seine Leistung entweder als extrem schlecht an oder er fragt ab, dass er extrem gut ist in dem was er gerade zeigt. Kleidung stört ihn oft. Das Schild kratz, der Kragen ist unangenehm, die Socke sitzt nicht richtig. Gerüche sind für ihn ein grauen. Er mag nichts klitschiges Schleimiges anfassen. Ich könnte an dieser Stelle noch unendlich weiter machen, aber bei der Anzahl der Fragen bin ich für meinen Sohn immer an der Grenze. Verschiedene Tests. Mal eins drüber, mal eines drunter.

    Vielleicht gibt es ja sowas wie einen Mix aus verschiedenem. In gewohnter Umgebung ist er wie alle Kinder.

    Mir fällt es so schwer mit seiner Art umzugehen, obwohl ich selbst so war, teilweise bin. Wo können Eltern sich rat holen? Ich würde mein Kind gern unterstützen und brauche selbst Unterstützung um das gut hin zu bekommen. Und das ohne, dass mein Kind irgendwo begutachtet wird und einen Stempel als „Unnormaler“ bekommt. Ihm wurde teilweise schon abenteuerliches angedichtet. Und gerät man an die falsche Stelle, steht das hinterher auch in der Schulakte.

  • #6

    Inga Dalhoff (Dienstag, 09 April 2019 11:16)

    Liebe Nadine,

    ich bin tief berührt mit welcher Offenheit und Ehrlichkeit du (und andere) hier schreiben. Ich finde, das macht auch anderen Eltern Mut, sich ehrlich zu äußern. Denn nicht immer ist der Alltag mit hochsensiblen Kindern oder Kindern, die nicht "ins Förmchen passen", einfach. Danke dir also von Herzen dafür, liebe Nadine.

    Nun zu deiner Frage. Es gibt auf dieser Website: http://www.hochsensibel.org/startseite/kontakte-vor-ort.php einen schönen Überblick über Kontakte in deiner Nähe und zu angebotenen Gesprächskreisen. Vielleicht ist da etwas für dich dabei?

    Und da nun schon viele Eltern bei mir angefragt haben, wo sie Rat und Austausch finden, werde ich wohl zeitnah eigene Veranstaltungen und Erfahrungsaustauschkreise initiieren und über diese Website bzw. den Newsletter kommunizieren.

    Wenn du dich für eine Einzelbegleitung erwärmen kannst, dann bin ich gern für dich da. Wir könnten gemeinsam erarbeiten, was dich stützt und nährt, was dir Kraft und Verständnis für dich selbst und dein Kind schenkt und wie ihr gemeinsam den (Schul-) Alltag meistert. Auch an eine Familienberaterin kann ich vermitteln.

    Wenn dich das anspricht, dann können wir gern ein kostenfreies Kennlerntelefonat vereinbaren.

    Ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft und Unterstützung!
    Alles Liebe, deine Inga

  • #7

    Severine Stübler (Sonntag, 09 Februar 2020 18:03)

    Hallo, wir sind begeistert von deinem Artikel. Unser Großer 10 Jahre ist sehr hochsensibel aber dies erst rauszubekommen war sehr schwer. Wir haben eine Lehrerin die ihn auf dem Kicker hat und mir immer erzählen wollte was er für ein schlechtes Sozialverhalten hat. Betragen Note 3 minus und solche Scherze. ADHS geprüft....nun bin ich endlich froh darauf aufzubauen. Danke

  • #8

    Papa2 (Montag, 10 Februar 2020 14:52)

    Hallo, meine Lebensgefährtin ist Hochsensibel, unsere gemeinsame Tochter meiner Meinung nach nicht. Meine Lebensgefährtin aber ist felsenfest davon überzeugt, ich finde aber viele Punkte einfach nicht wieder, bzw. fehlen typische Punkte. Ich habe eher die Theorie, das es sich bei den Störungen des Kindes um die Auswirkungen des sog. "Overparenting" handelt (Helikoptereltern), meine Lebensgefährtin tut alles für das Kind, das ganze Leben und die Freizeit wird nach dem Kind ausgerichtet, kein Event wird ausgelassen, Geburtstage werden teilweise monatelang geplant usw. Vielleicht könnten Sie einmal darlegen, wo bei beiden "Wesenzügen" von Helikopterkindern und hochsensiblen Kindern gemeinsame Berührungspunkte sind. Das würde mir sehr helfen, da die Kindesmutter die Hochsensibelkeit in keiner Weise anzweifelt und Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit auf ihr Kind projeziert "Ich fühlte mich damals genau so" Ich sehe viele Dinge eher als Overparenting Problem, anstatt bei Hochsensibelkeit. Besten Dank.

  • #9

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 13 Februar 2020 11:37)

    Lieber Papa2,

    danke für deine ausführliche Nachricht. Das von dir angeschnittene Thema ist wirklich sehr wichtig. Auch ich habe schon erlebt, dass eine (vermeintliche) Hochsensibilität eines Kindes instrumentalisiert wurde. Zum Beispiel um sich Überforderungen von Eltern und Kind daheim oder im Schulkontext erklären zu können. Leider führt das dann oft dazu, dass nicht nach den eigentlichen Ursachen der auftretenden Schwierigkeiten geforscht wird und diese auch nicht behoben werden.

    Pauschal traue ich mich gar nicht zu schreiben, wie sich die Auswirkungen von "Overparenting" von denen der nicht berücksichtigten Hochsensibilität unterscheiden. Meiner Erfahrung nach ist jede Familie absolut einzigartig in ihrer Dynamik. Jedes Familienmitglied bringt seine ureigenen Erfahrungen, Werte und Bedürfnisse ein. Manch hochsensibles Kind braucht mehr elterliche Unterstützung als manch nicht hochsensibles Kind, ein anderes wiederum sehr viel weniger. So kann ich deine Frage leider nicht konkret beantworten, ohne euch persönlich kennenzulernen.

    Du könntest mal in der Facebookgruppe "Hochsensible Kinder & Eltern" mit anderen Eltern in Kontakt treten und deren Erfahrungswerte erfragen. Schau mal hier: https://www.facebook.com/groups/1657307147873959/

    Ich lasse deine Frage noch in mir wirken und melde mich ggf. nochmals hier im Blog bei dir.

    Euch allen wünsche ich viel Kraft, Klarsicht und Leichtigkeit und ein förderliches Miteinander!
    Alles Liebe, deine Inga

  • #10

    Papa2 (Donnerstag, 13 Februar 2020)

    Liebe Inga, besten Dank für die Antwort. Ja, es ist ein heikles, schlecht greifbares Thema. Im Moment stehe ich am Scheideweg und kurz vor der Trennung, da ich diese Herausforderung so nicht meistern kann und auch gesundheitlich schon dadurch angeschlagen bin. Es war auch genau mein Eindruck, das man sich nur innerhalb der Familie als Außenstehender objektiv eine Meinung bilden kann und leider haben wenige Therapeuten Ahnung von der Hochsensibelkeit oder Overparenting, beides zusammen ist dann noch mal schwerer. Aber ich gebe noch nicht auf :) Ich freue mich wieder von dir zu hören und schaue hier öfters mal rein. Die FB Gruppe habe ich schon aufgesucht, danke für den Tipp.
    Beste Grüße

  • #11

    Inga Dalhoff (Montag, 17 Februar 2020 11:36)

    Lieber Papa2,

    was du schreibst macht mich betroffen. Ich hoffe von Herzen, dass ihr noch einen gemeinsamen oder einen stimmigen Weg der Trennung findet. Und ich unterstütze euch gern dabei!

    Sehr konstruktiv ist es natürlich, wenn alle Beteiligten am Erkenntnisprozess teilnehmen. Und doch ist es auch möglich, "nur" mit einem Elternteil zu starten. So könntest auch du allein viel bewegen - für dein eigenes Wohlbefinden und deine Balance sorgen und für deine Tochter wertvoller Anker und stimmiges Vorbild sein. Wenn du magst, dann lass uns ein kostenfreies Kennlerntelefonat vereinbaren und wir schauen, was wir miteinander bewegen können oder wen ich euch ggf. als Begleiter empfehlen kann.

    Schicke mir bei Interesse einfach eine E-Mail an willkommen@zart-stark.de mit deinen Terminwünschen.

    Lass es dir gut gehen, bleib gesund und möget ihr alle viel Kraft und Leichtigkeit für euren Weg spüren!
    Alles Liebe, deine Inga

  • #12

    Sohnemann (fast 7) (Freitag, 21 Februar 2020 17:44)

    Hallo Frau Dalhoff,

    Ich musste gerade weinen, während ich (mal wieder) im Internet danach schaute, ob mein Sohn vielleicht doch hochsensibel sein könnte. Kurz: Wir haben schon etliche Schritte unternommen. Sozialpadiatrisches Zentrum wo festgestellt würde, das er an das Thema hochbegabt grenzt, aber noch nicht als hochbegabt gilt. Auf der anderen Seite kann er sich bis heute nicht gut selbst an und ausziehen und trödelt und träumt vor sich hin. Lesen und Rechnen konnte er schon vor der Schule, aber Übergänge von einer Aktion zur nächsten waren oft schwierig. Dann waren wir auch lange bei der Ergotherapie und es galt "irgendeine Wahrnehmungsstörung mit hyperkinetischen Bewegungen" In der Schule wurde von Autismus und ADS gesprochen und nun stehen wir nach 3monatiger Wartezeit endlich vor der Chance das auch medizinisch abklären zu können. Am Ende der 3 Monate Tagesklinik soll uns die Diagnose helfen für die Schule eine erwartete Begleitperson zu beantragen. Doch ich habe starke Bedenken ob das alles so richtig ist. Unser Sohn hat sich durchaus schon öfter in der Schule seltsam verhalten, auch zu Hause. Aber gerade die letzten 1,5 Monate war er im positiven Sinne total ausgewechselt. Von Lehrern hörte man fast nur noch von "guten Tagen". Unser Sohn geht gern in die Schule und in seine Klasse. Wir haben den Eindruck das der Start zwar holprig war, aber das er jetzt erst richtig angekommen ist und mit den neuen Reizen besser umgehen kann. Warum sollte ich ihn jetzt 3 Monate in eine Tagesklinik schicken? Rausreißen aus seinem gerade normaler gewordenen Alltag? Dann habe ich gerade Tests ausgefüllt, die sich um ADS und Autismus drehten. Ich hatte das vor drei Monaten schon mal gemacht. Aber immer gab es nur ein uneindeutiges Ergebnis. Und jetzt bin ich wieder auf das Thema Hochsensibilität gekommen und sehe soviele Details klar bei meinem Sohn! Ich bin übrigens selbst hochsensibel aber ich denke auch ein ganzes Stück anders als er. Doch wer wird mir glauben? Mit diesem Thema befasst sich die Schule ja gar nicht. Da gibt's nur Autismus oder ADS. Ich finde unseren Sohn jedenfalls wieder in seinem starken Gerechtigkeitsdenken, in seiner Vorliebe für Musik, in manchen Wutausbrüchen wenn er scheinbar übergangen wird (es gibt noch zwei Schwestern) und in seinen Bewegungen wenn alle über ihn reden oder zu laut sind. Er liebt es echte Dinge zu tun. Kochen, technisches, Garten, Sport obwohl er im Moment überhaupt wenig sportlich begabt ist. Er möchte überall dabei sein und alles genauer wissen. Ja und er kann lange zuhören und verarbeitet vieles um dann viel später damit rauszurücken. Manchmal greift er auch schlichtend ein, wenn es ihm zuviel wird oder er verbietet uns über blöde Themen zu reden oder er kann auch das plötzlich das richtige für den Moment sagen. Für mich ist er ganz "normal" wenn er so ist. Aber sehr anstrengend, wenn er wie neulich innerhalb einer z.B. Erkältungsphase wieder in alte Muster zurück verfällt. Dann ist er häufig unsustehlich. Es ist, als bewegt er sich wie ein Elefant im Porzellanladen. Er selbst reflektiert das dann auch erstaunlicherweise, wie traurig andere darüber sind, auch wenn sich nach solch einer Erkenntnis erstmal nicht soll was ändert. Das musste ich mir mal von der Seele schreiben. Wir sind selbst gespannt wie es bei uns weiter geht. Wir haben jetzt noch 3 Wochen Zeit. Ich hoffe, das Sohnemann in der Schule weiter an die "guten Tage" anknüpfen kann, denn er war 2 Wochen krank zu Hause. Und ich hoffe, das wir das Richtige tun.

  • #13

    Inga Dalhoff (Montag, 24 Februar 2020 11:56)

    Liebe Mama, lieber Papa von "Sohnemann",

    danke für euer so ehrliches Teilen eurer Erlebnisse! Das macht die oft schmerzliche Lage von Eltern hochsensibler Kinder so nachvollziehbar. Sicherlich ist es für viele andere Eltern ein Trost zu lesen, dass sie mit ihren vielfältigen Herausforderungen nicht allein sind. Dass insbesondere der Schulalltag eine große Herausforderung für hochsensible Kinder und ihre Eltern ist und dass Krankheit, Stress und Entwicklungsschübe derbe "Rückschläge" bedeuten können.

    Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr euren Alltag trotz aller Herausforderungen in Leichtigkeit und Freude, Zuversicht und Vertrauen in die Einzigartigkeit und Weisheit eures Sohnes und eurer beiden Töchter meistern könnt.

    Und vielleicht geht es ja auch gar nicht darum das "Richtige" zu tun, sondern vielmehr darum, das "Stimmige" zu tun?! Also das, was sich für euch alle am besten anfühlt - ganz unabhängig von äußeren Ideen und Gegebenheiten?!

    Alles Liebe, eure Inga

  • #14

    Whatshallwedo (Samstag, 23 Mai 2020 11:56)

    Liebe Inga,

    ich schreibe heute aus einer echten Verzweifelungssituation heraus. Unsere Tochter ist 4 und immer schon ein sehr, sehr sensibles Kind (grade im Vergleich zu ihrer kleinen Schwester fällt dies noch mehr auf.) Sie hatte immer Phasen, in denen es mehr oder weniger ausgeprägt zum Vorschein kam und in denen wir manchmal schon etwas verzweifelt waren, bisher haben wir jedoch immer einen Weg gefunden. Ich finde sie in vielen der Punkten, jedoch nicht in allen, wieder. Sie ist eher extrovertiert, sehr vertrauensseelig, brauchte lange, um Fremden nicht teilweise grenzüberschreitend nah zu kommen etc.
    Nun aber - sicherlich auch aufgrund der aktuellen Situation (keine Kita etc.) - wird es immer schlimmer. Die Situation zu Hause droht inzwischen regelmäßig zu eskalieren, ihre Sensibilität wird in immer mehr Bereichen immer offenkundiger und ich fühle mich überfragt und hilflos. Ich bin selbst auch recht sensibel, jedoch nicht hochsensibel, würde ich sagen. Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann, was ich tun soll....

    Haben Sie Literaturhinweise, Tipps?

  • #15

    Inga Dalhoff (Samstag, 23 Mai 2020 14:57)

    Liebe "What shall we do",

    aus der Ferne ist es immer schwierig, wirklich fundierten Rat zu geben. Doch habe ich im Umgang mit meinen Tageskindern die Erfahrung gemacht, dass es unfassbar wichtig war, dass ich nicht in eine Art "Angst" vor der Eskalation gerutscht bin. Denn meine Angst hat diese Eskalationen geradezu herausgefordert. ;-)

    Besonders wichtig war es also für uns alle, dass ich gut in meiner Kraft war. Deshalb die Frage an dich: Wie geht es dir daheim mit den Kindern? Wo könntest du Unterstützung gebrauchen? Was stresst dich? Und wie lässt sich dieser Stress ggf. beseitigen?

    Meine Tageskinder waren perfekte Seismographen. Oft haben sie den Stress ausgelebt, den ich hatte. Als Kind war ich ähnlich. Ich habe z.B. die Disharmonien meines Umfelds erspürt und mit meinem (eher anstrengenden) Verhalten ;-) dafür gesorgt, dass durch die Fokussierung auf mich wieder eine Form von Einigung oder Harmonie entstand.

    Und natürlich kann es sein, dass eure Tochter gerade einen Entwicklungsschub durchmacht und dadurch und durch die veränderte Situation daheim überfordert ist.

    Wenn du magst / ihr mögt, dann schaut doch mal bei meinem zart starke Eltern Treff am 10.6. rein. Er findet online statt und schenkt euch die Möglichkeit des Austausches mit anderen Eltern. https://www.zart-stark.de/treffs/ Oder lasst uns ab dem 3.6. einen telefonischen Termin ausmachen, dann kann ich euch individuell begleiten.

    Nun zu den Buchtipps: Ich könnte mir vorstellen, dass die Bücher von "hochsensibel und löwenstark" ganz wundervoll sind. Ich habe Svenja Loewe bei ihrem Online-Kongress kennen- und sehr schätzengelernt. Mir fehlte die Zeit, um ihre Bücher zu lesen, aber dass ihre Bücher sehr dienlich sind, davon bin ich überzeugt. Schau mal hier: https://dieloewenfamilie.de/hochsensibel-und-loewenstark/ Und eine Kollegin hat sehr von den Büchern von Rolf Sellin geschwärmt: https://www.hsp-institut.de/ueber-uns

    Ach und die Facebookgruppe "Hochsensible Kinder und Eltern" könnte euch auch dienlich sein: https://www.facebook.com/groups/1657307147873959

    Alles Liebe, deine Inga

  • #16

    Whatshallwedo (Montag, 01 Juni 2020 11:30)

    Liebe Inga,

    danke für deine Gedanken und Anregungen. Tatsächlich ist das mit der Angst so eine Sache. Es gibt ein hoch konflikthaftes Thema hier und ich denke meine Tochter spürt deutlich meine Unsicherheit, was den Umgang damit angeht. Ich versuche nun schon seit einiger Zeit, hier einfach "klarer" zu sein, nicht streng, aber deutlich - und ruhig. Das klappt etwas besser.

    Und sicherlich stimmt es auch, dass es schwerer ist, wenn ich selbst unausgeschlafen und erschöpft bin - und das bin ich im Moment sicherlich öfter als zu anderen Zeiten.

    Ich schaue gerne mal in die Literatur rein, die Sie empfohlen haben und in die Austauschformate.

    Vielen Dank.

  • #17

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 04 Juni 2020 15:33)

    Liebe Whatshallwedo,

    ja, so empfinde ich das auch. Stehen wir unter Strom, sind müde oder erschöpft, fällt es schwer reflektiert neue Wege zu gehen. Dann folgen wir alten Pfaden, die vertraut sind, aber vielleicht nicht immer die besten. Schön, wenn wir es erkennen und daran wachsen. Das ist bereits ein riesiges Geschenk an die Kinder.

    Ich wünsche dir und euch erholsame, schlafreiche Zeiten und viele beglückende Erlebnisse!
    Alles Liebe, deine / eure Inga

  • #18

    MamaVomSonnenkind (Donnerstag, 24 Juni 2021)

    Hallo Inga,

    Ich schreibe dir, weil ich unsicher bin. Mein Sohn (3,5 Jahre alt) ist ein sehr kluges und sensibles Kind. Auf ihn treffen viele Punkte der Liste zu, aber einige auch überhaupt nicht....
    Nun zu unserem Problem: Seit er 3 Jahre alt ist, geht er in eine etwas größere Kita (20 Kinder, davor war er in einer Großtagespflege mit 10 Kindern, wo alles super geklappt hat, nur die Öffnungszeiten haben nicht mehr zu meiner Arbeitsstelle gepasst, weswegen wir wechseln mussten).

    Zu Beginn gab es nicht so viele Probleme, wir wurden nur öfter darauf angesprochen, dass er so viel weinen würde. Nun muss man dazu sagen, dass ich versuche, ein respektvolles und bedürfnisorientiertes Miteinander mit ihm zu leben. Das heißt, er darf viel Mitentscheiden und es werden Kompromisse ausgehandelt und versucht, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu wahren. Er darf seinen Gefühlen immer freien Lauf lassen und wir versuchen, sie anzuerkennen und wahrzunehmen. Deswegen finde ich es an sich nicht schlimm, dass er viel weint (Obwohl er zu Hause nicht so viel weint oder wir es vielleicht auch einfach nicht als belastend empfinden, ich weiß es nicht).
    Was wir bemerkt haben, ist, dass, wenn er wenig gegessen hat, er oft in eine Gefühlsspirale kommt, aus der man ihn nur schwer herausholen kann. Das ist aber noch nicht soooo oft passiert.
    Seit einigen Wochen hat er das jetzt aber häufiger. Er weint dabei sehr stark und laut und man kann eigentlich nichts machen außer daneben sein und ihn versuchen aufzufangen. Die Kita-erzieher kommen damit aber wohl überhaupt nicht klar und haben uns jetzt angeraten, uns professionelle Hilfe zu suchen.......
    Er spielt viel alleine, weil er mit den anderen Kindern nicht so gut auskommt. Er sagt auch fast jeden Morgen, dass er nicht in Kita möchte und er da keine Freunde hat.....ich mache mir schon länger Sorgen um ihn und frage mich, was genau sein Problem ist. Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Erzieher seiner Kita ihn schon in eine Schublade gesteckt haben und sich gar keine Mühe mehr mit ihm geben.

    Zu Hause und innerhalb des Familienkreises haben wir weniger Probleme mit dem Weinen. Er ist aufgeweckt und klug, kann sogar schon einfache Aufgaben rechnen. Wenn er mit einigen wenigen Kindern unterwegs ist, hat er gar keine Probleme, mit denen zu spielen und sich zu intergrieren. Was neue Menschen angeht, ist er zunächst schüchtern, aber wenn er einmal Vertrauen gefasst hat, wird er offener. Er hat einen klugen Sinn für Humor und überrascht uns täglich mit seinem guten Gedächtnis und durchdachten, tiefsinnigen Fragen über die Welt und die Dinge darin. Ich finde, dass er perfekt ist, so wie er ist!

    Und nun soll ich seitens der Kita mit ihm zu Arzt, weil er so unangepasst ist? Ich weiß nicht genau, was ich machen soll. Ich finde diesen Vorschlag ziemlich schrecklich. Als würde etwas mit ihm nicht stimmen. Ich würde der Kita gerne Tipps geben können und deswegen bin ich auch auf deine Seite gestoßen.

    Vielen Dank schon mal für das Lesen, ich weiß nicht genau, was ich mir von diesem Beitrag erhoffe aber die Dinge irgendwo aufzuschreiben hilft ja manchmal schon:

    LG und danke für deine Arbeit hier.
    MamaVomSonnenkind

  • #19

    Inga Dalhoff (Sonntag, 27 Juni 2021 17:45)

    Liebe MamaVomSonnenkind,

    oh, ich kann mir gut vorstellen, dass euch die Situation sehr belastet!

    So wie du es beschreibst, klingt es für mich als wäre dein Sohn derzeit von der Gruppengröße, von der Atmosphäre oder der Art der Betreuung in der Kita überfordert.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die individuelle Betreuung und die Zeit, die sich die ErzieherInnen für die Kinder nehmen können, sehr stark reduziert, sobald die Gruppen größer werden. Und so kann ich mir gut vorstellen, dass sich manches Kind in größeren Gruppen nicht gut begleitet, nicht gesehen fühlt, unsicher wird, Ängste entwickelt, durch Weinen oder anderes Verhalten versucht, mehr Aufmerksamkeit für seine Hilflosigkeit einzufordern, auffällig wird oder sich zurückzieht. Besonders dann, wenn es (wie euer Sohn) vorher eine sehr persönliche Begleitung erfahren hat, die ihm viel Halt und Wertschätzung, (Mit-) Gestaltungsraum und Eigenständigkeit erlaubt hat. Und wenn es sich nun in einen Rahmen einpassen soll, den es eben nicht mitgestalten kann und der ihm möglicherweise nicht entspricht, wird es schwierig für so ein Kind.

    Meiner Erfahrung nach zeigen sich Dysbalancen in der Betreuung zwar am Kind. Aber das Kind ist in der Regel nicht das Problem oder die Ursache. Für mich klingt das so, als wäre die Kita nicht ganz der richtige Platz für euren Sohn. Oder würde von ihm eine ganz neue Form der Anpassung einfordern, die ihn verunsichert oder frustriert.

    Was mir beim Lesen ins Auge gesprungen ist, sind auch das Essen und die Gruppengröße. Ich finde darüber könnte man mit den MitarbeiterInnen der Kita sprechen. Gibt es genug zu essen und gibt es Möglichkeiten, dass euer Sohn sich immer mal wieder zurückziehen und mit einer kleineren Gruppe vielleicht auch etwas bedächtigerer Kinder spielen kann? wären zwei Fragen, die ich persönlich versuchen würde zu klären. Vielleicht gibt es auch eine Möglichkeit herauszufinden, ob die ErzieherInnen sich in ihrem Alltag die Zeit für das Trösten und die individuelle Begleitung nehmen können oder ob sie unter (Zeit-) Druck stehen?

    Manchmal hilft es auch, wenn man über die Situation zuhause und die bisherige Betreuung spricht. Also erläutert, was euer Sohn bereits an Erfahrungen gesammelt hat, was er gelernt hat und gut kann und wo er möglicherweise noch Unterstützung und eine Heranführung und konkrete Begleitung bei seinen Herausforderungen benötigt. Aber wahrscheinlich habt ihr das längst getan.

    Und wäre es eine Möglichkeit, euren Sohn wieder in die Großtagespflege gehen zu lassen?

    Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen weiterhelfen. Vielleicht kann dir auch eine Kollegin von mir gut weiterhelfen. Schau mal hier: https://dieloewenfamilie.de/

    Alles Liebe und viel Kraft für euren Weg.
    Melde dich bitte gern bei mir, wenn du dir eine telefonische oder persönliche Begleitung wünschst,
    deine Inga