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Hochsensibilität und Essstörungen

Wenn Hochsensibilität Auslöser von Essstörungen ist

Foto einer Frau, die sich hungrig auf ein Törtchen stürzt

Als ich kürzlich familiär sehr gefordert war, beobachtete ich mich selbst beim Frustfuttern. Ein willkommener Anlass, ein brisantes Thema näher zu beleuchten: Essstörungen bei Hochsensiblen oder auch die Hochsensibilität als Auslöser für Essstörungen.

 

Denn längst habe ich auch in meinen Beratungen hochsensible Menschen kennengelernt, die mit unguten Essgewohnheiten oder gar Essstörungen kämpfen. Dabei reichen die Ausprägungen von übertriebener Askese aus Schönheits- oder Gesundheitsgründen, über das Frustessen bis zum "Betäubungsessen".

 

Die Beobachtung von Essgewohnheiten als Schlüssel zur Selbstentfaltung

Essen beruhigt mich. Es gibt mir ein wohlig warmes Gefühl und schenkt mir schon bei der Zubereitung Erdung und Zentrierung. Eine leckere Süßspeise oder ein Stückchen Schokolade, ein Stück Kuchen oder aber meine heiß geliebten Gummibärli sind mir Seelenschmeichler und Belohnung.

 

Außerdem dämpfen sie meine vielfältige Wahrnehmung und verschaffen mir auf diese Weise eine kleine "Sinnesauszeit". Und wenn mich etwas innerlich umtreibt, greift trotz aller inneren Wachstumsprozesse und präsenter Selbstbeobachtung dann und wann ein altes Muster: Ich futtere, um mich zu betäuben. Weil zum Beispiel eine innere Unruhe, eine Traurigkeit oder Wut, eine Unzufriedenheit mit mir selbst zu übermächtig erscheint, um mich mit ihr zu befassen. In diesen Fällen greife ich zu eher ungesunden Naschereien, die meine Wahrnehmung massiv dämpfen. Bis ich den Mut finde, meine emotionale Schieflage ehrlich zu betrachten und in die Balance zu bringen.

 

Essen bedeutet mir auch Schutz. In Zeiten großer Herausforderungen oder finanziellen Drucks werde ich immer ein wenig mopsiger. Bin ich maximal entspannt, ganz bei mir und fühle mich sicher, purzeln die Pfunde und ich werde wieder recht schlank. So beobachte ich mich also dann und wann auch dabei, mir wie ein Bär im Herbst, einen Winterpelz für schlechte Zeiten anzufuttern.

 

Essen ist für mich aber auch "politisch". Mit den für Hochsensible gewohnt hohen Ansprüchen versuche ich meine Ernährung trotz der ein oder anderen kleinen Verfehlung so gesund, fair, bio, regional, saisonal und vegan zu gestalten, wie es mir möglich ist.

 

Wenn ich etwas mache, dann möchte ich es "richtig" machen, in all seinen Aspekten durchdringen und in all seinen Tiefen erleben, mich ausprobieren und mich meinem wahrhaftigen Kern noch mehr nähern. Die Beschäftigung mit meiner Ernährung und der psychosomatischen Zusammenhänge und Muster tut mir gut und hat mir ganz konkret bei der schrittweisen Heilung meiner Migräne sehr geholfen. Sie hat mir auch die Augen für meine wahren Bedürfnisse und Sehnsüchte und für meine Verdrängungsmechanismen geöffnet. Über die Beschäftigung mit meinen Ernährungsgewohnheiten bin ich unguten Überzeugungen und Glaubenssätzen auf die Schliche gekommen und konnte diese endlich verabschieden. Konnte immer mehr ich selbst werden, alten Ballast abwerfen.

 

Dieses intensive Reflektieren alter und das Antrainieren neuer Essgewohnheiten, das Auflösen nicht mehr zuträglicher Überzeugungen (siehe mein E-Book "Lebe frei!", das du in meinem Spiritual Life Blog findest) und das konsequente Leben meiner Bedürfnisse und Sehnsüchte ist aber durchaus auch zeit- und energieaufwendig. Und am Ende meiner Reise bin ich noch nicht angekommen, das spüre ich.

 

Warum Hochsensible möglicherweise häufiger zu Essstörungen neigen als andere

So wie ich mich erlebe, erlebe ich auch viele andere Hochsensible. Oft befassen sie sich aus gesundheitlichen Gründen intensiv mit ihrer Ernährung und verlieren sich mitunter in Selbstoptimierungsbemühungen, in den eigenen hohen Ansprüchen oder in den Erwartungen ihres Umfeldes bzw. den Schönheitsidealen der Gesellschaft.

 

Andere Hochsensible entwickeln ein intensives Frust- oder Betäubungsessen bis hin zu Bulimie, Magersucht, Binge Eating oder Adipositas*, weil sie die vielfältigen Anforderungen in Beruf und Privatleben nicht mit ihrem Ruhebedürfnis übereinbringen oder weil sie sich nicht trauen, ihre wahrhaftigen Fähigkeiten und Talente auszuleben. Weil sie sich ihrer Hochsensibilität und der damit verbundenen Mechanismen vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Oder weil sie ihre eigenen Bedürfnisse, Herzenswünsche und Sehnsüchte vor lauter Tun und Funktionieren nicht mehr spüren oder sich nicht zu erfüllen trauen. Weil sie sich klein, traurig, einsam oder ratlos fühlen, weil sie ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden oder weil sie sich reizüberflutet und dauergestresst fühlen und ihre stimmige Form der Abgrenzung noch nicht gefunden haben.

 

*Weitergehende und sehr fundierte Informationen zu Essstörungen findest du im Blog lebenshungrig bei meiner Bloggerkollegin Simone Happel.

 

Nun sind die oben geschilderten Aspekte der Essstörungen keine rein hochsensiblen Themen. Jeder Mensch, der aus seiner Balance gefallen ist, wird sich in den oben genannten Verhaltensweisen wiedererkennen.

 

Und doch glaube ich, dass Hochsensible häufiger mit Essstörungen kleiner oder großer Ausprägung zu tun haben. Einfach weil sehr viele von ihnen stets an ihrer oberen Leistungsgrenze agieren, um wie ein vermeintlich "normaler" Mensch zu funktionieren. Weil die Seele vieler Hochsensibler hungert. Hungert nach Anerkennung ihrer besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten und ihrer Beiträge für ein harmonisches Miteinander. Hungert nach Respekt für ihr Ruhe- und Rückzugsbedürfnis. Danach hungert, mit ihren fundierten Ideen für Problemlösungen oder wahrhaftiges Wachstum gesehen zu werden. Weil sich viele Hochsensible nicht erlauben, aus der Rolle zu fallen, ihren Platz einzunehmen, ihre Kreativität auszuleben, "anders" zu sein, so zu sein wie sie wirklich sind.

 

Weil viele Hochsensible einfach an ihrer wahren Essenz und Einzigartigkeit vorbeileben.

 

Vier Fragen, die dich dir näher bringen

Deshalb ist meine Einladung an all die LeserInnen, die sich hier angesprochen fühlen: Habt den Mut, euer Essverhalten zu hinterfragen und zu erforschen, nach was ihr wirklich hungert!

 

Wenn du also das nächste Mal zur Chipstüte oder zum Gummibärchengroßpack greifst oder wenn du dich in Selbstoptimierung, Askese oder der Zubereitung von "trendigem Essen" verlierst, dann frage dich,

 

=> was brauche ich jetzt wirklich, wirklich, wirklich?

=> wonach sehne ich mich von Herzen?

=> was möchte ich gerade nicht spüren?

=> was droht mich zu überwältigen?

 

Und schau, was du in für dich machbaren Schritten anders machen kannst, ggf. auch mit achtsamer Unterstützung einer erfahrenen BeraterIn. Hab den Mut anzuschauen, was dir überwältigend erscheint.

 

Vielleicht erscheint es dir so, als würde deine mühsam gestaltete Welt zusammenbrechen, wenn du deinen Sehnsüchten nachgibst. Vielleicht hast du Angst davor, deiner Herzensstimme zu lauschen, weil du glaubst, dann deinen Job nicht mehr machen zu können oder deine Rolle in der Familie nicht mehr erfüllen zu können. Oder du sorgst dich, dass du, wenn du deiner Wut freien Lauf lässt, deine Liebsten in die Flucht schlägst. Oder dass du, wenn du deiner Traurigkeit Raum gibst, nicht mehr aus dem Tal der Tränen hinausfinden könntest.

 

Und doch lohnt es sich, ehrlich mit dir zu sein. Denn ist eine überwältigende Emotion erst einmal von dir wahrgenommen und geachtet, als wertvoller Teil deiner selbst anerkannt, als Botschafter für wahrhaftigen inneren Frieden in dir respektiert, wird sie sich auflösen und dir Erleichterung, Klarheit und neue Perspektiven zeigen. Je mehr du sie allerdings unterdrückst, desto mehr Kraft musst du aufwenden, um sie weiterhin zu deckeln. Desto stärker werden sich deine Essgewohnheiten ins Ungesunde ausprägen.

 

Es lohnt also den Blick in den sogenannten eigenen "Abgrund", der für mich immer und sehr überraschend herrlich leicht und befreiend war. Der aber diesen einen mutigen Schritt der ehrlichen Zuwendung brauchte.

 

Und wenn du die Emotionen anschaust, die du gerade "wegfuttern" oder "auskotzen" möchtest und Sorge hast, dass sie dich völlig aus der Bahn werfen könnten, dann mache dir stets diese drei Dinge bewusst und nimm mutig Kontakt mit ihnen auf. Erforsche gelassen, was sie dir sagen möchte, denn:

 

Rotes Herz

Du bist nicht die Emotion - du hast lediglich diese Emotion. Du kannst sie also neutral beobachten.

Rotes Herz

Die Emotion ist Botschafterin deiner Seele und hilft dir dabei, wieder ganz du selbst zu werden. Wieder zu leben, was du dich bisher nicht getraut hast zu leben.

Rotes Herz

Jede Emotion vergeht, so wie ein jeder Moment vergeht. Nichts bleibt, alles ist Wandel und alles stirbt einmal - auch eine jede Emotion. So ist das Leben.

 

Mögen dir deine Essgewohnheiten so sehr Geschenk für inneres Wachstum sein, wie sie es für mich waren und sind. Und mögen sie dir den Weg in dein wahrhaftiges Potenzial weisen.

 

Lebe deine zarte Stärke! 

Alles Liebe, deine Inga

 

PS: Vielleicht auch ein interessanter Artikel für dich: Was der Darm mit Hochsensibilität zu tun hat.

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