Wie erkenne ich, ob mein Kind hochsensibel ist?

Eine Checkliste für Eltern

Immer häufiger rufen mich LeserInnen meines Blogs an und fragen mich, wie sie erkennen können, ob ihr Kind hochsensibel ist. Oftmals haben sie ein Buch über das Thema Hochsensibilität gelesen und zunächst einmal festgestellt, dass sie selbst hochsensibel sind. Da liegt die Vermutung nah, dass auch das eigene Kind / die Kinder hochsensibel sein könnten. Andere wurden von Dritten auf das Thema Hochsensibilität hingewiesen und fühlten sich gleich davon angesprochen.

 

Hochsensible egal welchen Alters nehmen sehr viel mehr Sinneseindrücke auf als Normalsensible. Und Sie bewegen diese Eindrücke sehr detailliert in sich. Sie brauchen also mehr Rückzug, um Erlebtes zu verarbeiten und stoßen in einer Leistungsgesellschaft mit entsprechendem Schulsystem schneller an ihre Grenzen.

 

Es ist bereits viel getan, wenn man um die eigene oder um die Hochsensibilität des eigenen Kindes weiß, Verständnis für die Andersartigkeit aufbringt und die Grenzen des Machbaren neu justiert.

 

Die Eigenschaften Hochsensibler sind altersübergreifend gleich

Die Talente und Eigenschaften hochsensibler Kinder unterscheiden sich nicht von denen hochsensibler Erwachsener.

 

Je jünger Kinder sind, desto schwieriger ist es allerdings für Eltern und Pädagogen zu erkennen, ob Kinder hochsensibel sein könnten oder nicht. Denn die Kinder können sich noch nicht in vollem Umfang erklären, ihre Bedürfnisse nicht immer unmissverständlich verdeutlichen und schon gar nicht erklären.

 

Damit du leichter herausfinden kannst, ob dein Kind hochsensibel ist, habe ich dir eine Liste von 36 Qualitäten zusammengestellt, die du weiter unten im Artikel findest. Indem du die Sachverhalte prüfst und schaust, was auf dein Kind zutrifft, findest du recht einfach heraus, ob dein Kind hochsensibel ist.

 

Extrovertierte und introvertierte hochsensible Kinder sind verschieden

Doch vorab sei angemerkt, dass es auch unter hochsensiblen Kindern die Introvertierten (ca. zwei Drittel) und die Extrovertierten (ca. ein Drittel) gibt. Die extrovertierten hochsensiblen Kinder lieben anders als die introvertierten hochsensiblen Kinder den Kontakt mit anderen und suchen alles Lebendige.

 

Deshalb ist es für sie noch viel schwieriger als für introvertierte hochsensible Kinder, in eine innere Balance und Ausgeglichenheit zu finden. Sie werden also weniger häufig in den Rückzug gehen und selbstgenügsam Zeit mit sich verbringen als ihre introvertierten Altersgenossen. Und das, obwohl sie diese Ruhe aufgrund des Mehr an Eindrücken dringend bräuchten. Ihre Stressreaktionen werden deshalb entsprechend stark ausfallen (Wut, Geschrei, Schlafstörungen, motorische Unruhe oder psychosomatische Erkrankungen).

 

Extrovertierte hochsensible Kinder sind schwerer als hochsensibel zu erkennen. Eben weil sie sehr lebendig und kontaktfreudig sind und in ihren Stressreaktionen sehr heftig sein können.

 

Jungs und Mädchen ticken unterschiedlich

Auch habe ich einen starken Unterschied zwischen hochsensiblen Mädchen und Jungen beobachtet. Mein Eindruck ist, dass hochsensible Mädchen aufgrund des kollektiven Rollenbilds, aber auch aufgrund ihrer besseren kommunikativen und verbindenden Fähigkeiten eher in eine Überanpassung rutschen.

 

Hochsensible Jungs scheinen öfter Gefahr zu laufen, von ihrer Andersartigkeit „übermannt“ zu werden. Sie kollidieren stärker mit ihrem Rollenbild, fühlen sich noch vehementer als Außenseiter und reagieren, wenn sie sich verbal nicht gut ausdrücken können, mit großer Wut, viel Widerstand und wenig Anpassung an ihr Umfeld.

 

Aber auch hier gibt es natürlich keine Verallgemeinerung. Selbstverständlich gibt es auch rebellische Mädchen und sehr angepasste hochsensible Jungs. :-)

 

Wie du mit Hilfe des folgenden Aussage-Katalogs Klarheit gewinnst

Der unten aufgeführte Aussage-Katalog, der dich bei der Klärung der Frage, ob dein Kind hochsensibel ist, unterstützen soll, kann dieser Vielfalt des Verhaltens hochsensibler Kinder nicht ganz gerecht werden.

 

Solltest du anhand dieses Artikels noch keine Klarheit über die potenzielle Hochsensibilität deines Kindes gewinnen können, empfehle ich dir die Lektüre diverser Bücher über die Hochsensibilität bei Kindern. Je mehr du in die Materie einsteigst, desto leichter wird es dir fallen, dein Kind zu verstehen.

 

Vielleicht reicht aber auch schon die liebevolle Annahme deines Kindes mit all seinen Ecken und Kanten, mit seinen Begabungen und Eigenheiten, ohne es einer „Schublade“ zuzuordnen. Ich denke wir alle wissen, dass Liebe das Allheilmittel für die Ängste, Sorgen und Nöte unserer Kinder ist. ;-)

 

Nun aber zum Aussagenkatalog:

 

Prüfe, was auf dein Kind zutrifft.

1 Mein Kind ist sehr harmoniebedürftig. Es kann Spannungen in der Familie schlecht aushalten und versucht ausgleichend einzugreifen.

 

2 Meinem Kind gehen Streitigkeiten lange nach. Im Umgang mit anderen Kindern versucht es eher Streit zu vermeiden. Deshalb wirkt es manchmal so, als wäre mein Kind nicht durchsetzungsstark.

 

3 Mein Kind verfügt nicht gerade über ein dickes Fell. Geht es einmal lauter zu, ist es stressig oder hat jemand aus der Familie schlechte Laune, nimmt mein Kind das schnell persönlich und ist sehr betroffen.

 

4 Mein Kind mag ruhige Spiele und Beschäftigungen.

 

5 Mein Kind hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzt sich für andere ein.

 

6 Mein Kind hat nach der Schule oder nach lauten Freizeitaktivitäten ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Stille.

 

7 Mein Kind leidet öfter und besonders nach anstrengenden Phasen oder aufwühlenden Erlebnissen an psychosomatischen Krankheiten wie Erkältungen, Hautkrankheiten, Kopfweh, Bauchschmerzen oder Übelkeit.

 

8 Mein Kind ist feinsinnig und liebt das Schöne.

 

9 Mein Kind ist sehr mitfühlend mit anderen, mit Tieren und Pflanzen.

 

10 Mein Kind stellt sich nur langsam und oft ungern auf Neuerungen ein. Schulwechsel, Umzug, Reisen, neue Erzieher oder Lehrer werden nur zögernd angenommen. Vertrauen wird langsam aufgebaut.

 

11 Mein Kind ist sehr perfektionistisch und scheitert häufig an den eigenen Ansprüchen.

 

12 Mein Kind ist sehr kreativ und verfügt über eine überbordende Fantasie.

 

13 Mein Kind wirkt eher wie ein Einzelgänger, ist schüchtern oder zurückhaltend.

 

14 Mein Kind ekelt sich schnell.

 

15 Schmutzige, kratzige oder nasse Kleidung ist für mein Kind kaum auszuhalten.

 

16 Mein Kind scheint schnell in einen Zustand der Reizüberflutung zu kommen. Dann fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren.

 

17 Mein Kind braucht sehr viel Schlaf, kann aber nach aufwühlenden Erlebnissen schlecht einschlafen.

 

18 Mein Kind ist ein sehr wachsamer Beobachter und nimmt viele Details wahr.

 

19 Mein Kind verbringt manchmal lieber Zeit mit Älteren oder Erwachsenen. Unter Gleichaltrigen scheint es sich irgendwie „anders“ zu fühlen.

 

20 Mein Kind stellt sehr tiefgreifende Fragen oder trifft sehr „erwachsene“ Aussagen. Manchmal wirkt es altklug, weise oder wissend.

 

21 Mein Kind spricht manchmal von Geistwesen, Engeln, Traumwesen.

 

22 Mein Kind kann sehr genau benennen, wie es anderen geht.

 

23 Mein Kind liebt Musik, Farben, Schönheit.

 

24 Mein Kind ist sehr schreckhaft.

 

25 Mein Kind ist geruchs- oder lichtempfindlich. Es reagiert stark auf Kälte und / oder Hitze. Es mag keine stark gewürzten Speisen.

 

26 Mein Kind kann mit Kritik schlecht umgehen. Es reagiert mit Wut, Verzweiflung manchmal tiefer Traurigkeit auf Bewertungen (z.B. im Streit, im Konflikt, aber auch im Spiel (kann schlecht verlieren) oder in der Schule (schlechte Schulnoten)).

 

27 Mein Kind scheint oft von Selbstzweifeln befallen. Es ist streng mit sich selbst und stellt hohe Ansprüche an sich und andere. Manchmal traut es sich nicht, mir von schlechten Schulnoten zu berichten oder einen Fehler einzugestehen.

 

28 Manchmal fühlt sich mein Kind sehr schlapp, kann sich kaum mehr konzentrieren und ist wackelig auf den Beinen. Oft entwickelt es in solchen Situationen Heißhungerattacken.

 

29 Auf ein Gespräch auf Augenhöhe oder auf eine sanfte Rüge reagiert mein Kind sehr einsichtig. Strafen oder große Strenge lösen bei meinem Kind eher Traurigkeit, Wut, Angst oder Widerstand aus.

 

30 Mein Kind wirkt fast überangepasst. Mein Kind scheint die Erwartungen anderer zu erahnen und im vorwegnehmenden Gehorsam zu erfüllen.

 

31 Mein Kind reagiert wütend und ablehnend auf Lügen (geschönte Wahrheiten). Wenn ich aus erzieherischen oder anderen Gründen zu einer Notlüge oder Flunkerei greife, enttarnt mich mein Kind schnell.

 

32 Mein Kind nimmt Autoritäten nur dann ernst, wenn diese über eine natürliche Autorität verfügen. „Autoritäten“, die ihnen als solche vorgesetzt werden (z.B. Lehrer), aber keine echte Autorität verkörpern, werden nicht akzeptiert. Befohlenes wird dann nicht befolgt.

 

33 Mein Kind hinterfragt die Dinge stark. Wenn etwas für mein Kind keinen Sinn ergibt, dann verweigert es sich.

 

34 Mein Kind braucht Zeit für die Entscheidungsfindung. Es macht sich viele Gedanken über weitreichende Konsequenzen seiner Entscheidung und bezieht viele Details in seine Entscheidungsfindung ein. Manchmal wirkt es deshalb unentschieden.

 

35 Mein Kind verfügt eher über einen vernetzten Denkstil (z.B. Vielbegabung, kaum Spezialistentum, kreative Begabung) als über einen analytischen (z.B. mathematische Begabung, Inselbegabungen, Spezialistenwissen). Eher bei älteren Schulkindern zu erkennen.

 

36 Mein Kind scheint häufiger als seine Altersgenossen ganz in seiner (Fantasie-) Welt zu versinken. Es ist dann nicht ansprechbar.

 

Mein Kind ist hochsensibel, was nun?

Hast du dein Kind wiedererkannt? Wenn du bei mehr als 25 der aufgelisteten Punkte mehrheitliche Zustimmung in dir spürst, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Kind hochsensibel ist.

 

Wenn dein Kind tatsächlich hochsensibel ist, was bedeutet das dann für dich und deine Familie? Wie wirkt sich das auf euren Alltag aus? Und wie wirst du dir selbst und deinem hochsensiblen Kind gerecht?

 

Die kurze Antwort lautet: Entschleunige euren Alltag, verplane so wenig Zeit wie möglich für klassische Freizeitaktivitäten. Verbringt eure Zeit stattdessen mehr mit Ruhe, Erholung in der Natur, mit Koch- und Essgenuss, u.ä. Mehr Tipps für einen gelungenen Alltag mit hochsensiblen Kindern findest du in meinem nächsten Artikel. :-)

 

Derweil wünsche ich dir eine entspannte Zeit, in der die Erkenntnisse über dein Kind in aller Ruhe in dir reifen können.

 

zart starke Grüße

deine Inga

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Judith Meier (Montag, 16 April 2018 17:02)

    Liebe Frau Dalhoff

    Unsere Tochter ist 5 Jahre alt und unserer Meinung nach hochsensibel (auch ich und mein Mann finden uns in Ihrer Beschreibung wieder). Unsere Tochter ist im Kindergarten immer wieder emotional überfordert, muss dann weinen. Intellektuell ist sie dagegegen sehr stark, nimmt dies für sich jedoch nicht so wahr (sehr hart mit sich, will die beste sein...) Im Sommer soll sie in die Schule kommen. Da sie gerade am Stichtag geboren ist, wird sie dort die jüngste sein. Wir überlegen uns nun, unsere Tochter ein weiteres Kindergartenjahr machen zu lassen, wobei das ein rechter Kampf mit den Behörden sein wird. Was meinen Sie dazu? Sind hochsensible Kinder in der emotionalen Entwicklung quasi 'jünger' als andere?

  • #2

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 19 April 2018 11:37)

    Liebe Judith,

    ganz herzlichen Dank für Ihre Offenheit. Ihre Frage ist bestimmt auch für andere Eltern sehr spannend. Allerdings fällt es mir gerade schwer, eine eindeutige Antwort mit einer klaren Handlungsempfehlung zu geben.

    Mein Eindruck ist, dass hochsensible Kinder genauso wie alle anderen Kinder ihren ganz einzigartigen und individuellen Entwicklungs- und Entfaltungsweg gehen. Sie scheinen ihrer ganz eigenen Weisheit zu folgen. Und für mich ist es immer wieder grandios zu erleben, wie entspannt das Beisammensein mit Kindern jeglicher Mentalität für mich ist, wenn ich dieser Weisheit vertraue. Wenn ich mich nicht übermannen lasse von der Idee, Kinder müssten in einem speziellen Alter dieses oder jenes können - so oder so sein. ;-)

    Hochsensible Kinder können meiner Erfahrung nach insbesondere in größeren heterogenen Gruppen emotional schneller überfordert sein und deshalb den Eindruck vermitteln, sie könnten soziale Aufgaben nicht so gut meistern wie andere Kinder. Ich empfinde sie aber nicht als „jünger“ als andere Kinder.

    Wenn Ihre Tochter im vertrauten Rahmen oder wenn sie z.B. nur mit ein, zwei anderen Kindern beisammen ist, keine Schwierigkeiten mit der emotionalen Bewältigung der Situation hat, dann könnte ihr Verhalten im Kindergarten einfach nur darauf hindeuten, dass sie dort zu vielen Eindrücken ausgesetzt ist, die sie nicht zu bewältigen weiß. Oder dass es dort Unstimmigkeiten gibt, die sie nicht auszuräumen weiß.
    Was im Umkehrschluss für mich bedeutet, dass Ihre Tochter emotional sehr wohl sehr kompetent ist, aber mit zu vielen Eindrücken / Unstimmigkeiten überfordert ist – ob nun im Kindergarten oder in der Grundschule. Es wäre in dem Fall also die Frage, wie Ihre Tochter bei der Bewältigung von Eindrücken (auch) durch Erzieher und Lehrer unterstützt werden könnte.

    Und wenn ich es recht gelesen habe, dann ist Ihre Tochter kognitiv sehr begabt. Es wäre also u.U. auch die Frage zu klären, ob ein weiteres Jahr im Kindergarten eine geistige Unterforderung Ihrer Tochter bedeuten würde und wie sich das auf ihr Wohlbefinden auswirken könnte.

    Viele Familien, die ich kennenlernen durfte, haben die so wichtige und komplexe „Einschulungsfrage“ mit Hilfe von systemischen Aufstellungen oder kinesiologischen Tests geklärt. Sprich, sie haben die „Weisheit“ aller Familienmitglieder, insbesondere die des Kindes einbezogen, um eine stimmige Entscheidung zu treffen.

    Jede Familie hat ihre eigenen Vorlieben. Wenn Sie sich angesprochen fühlen, dann melden Sie sich gern bei mir.

    Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage ein klein wenig beantworten.
    Herzliche Grüße,
    Ihre Inga Dalhoff