Auftritt vor vielen Menschen

So wird aus Ihrem Schreckmoment ein Genussmoment

Bild 2 Männchen, eines, dass sich versteckt, eines, dass sich sympatisch präsentiert

Liebe Leserinnen und Leser, heute geht es um das Auftreten vor (vielen) Menschen. Machen Sie das gern? Bringen Sie sich in Meetings gern mit Ihrer Meinung ein? Fällt es Ihnen leicht, eine Rede oder einen Vortrag zu halten? Gehören Sie zu den Ersten, die sich bei einem Netzwerktreffen vorstellen? Und in den Social Networks bzw. im eigenen Blog: Machen Sie sich gern und selbstsicher sichtbar? Dann gehören Sie wahrscheinlich zu den 20 bis 30 % der Hochsensiblen, die extrovertiert sind und dürften wenig Schwierigkeit mit der Selbstvermarktung und dem Auftritt vor Menschen haben.

Tipps für introvertierte Hochsensible von Autorin Ulrike Hensel

Sollten Sie aber wie ich zu den eher introvertierten Hochsensiblen zählen, dann kennen Sie sicherlich das Herzrasen und die Schreckmomente, die Auftritte vor Menschen mit sich bringen. Das ständige innere Ringen zwischen dem Bedürfnis, sich mit den eigenen Kompetenzen auch mal sichtbar zu machen und dem Bedürfnis, die anstrengende Aufregung, die das Auftreten vor Menschen mit sich bringt, möglichst zu vermeiden.

Foto von Ulrike Hensel

Meine Coaching-Kollegin und Autorin Ulrike Hensel und ich kennen dieses Dilemma aus eigener und aus der Erfahrung mit unseren hochsensiblen KundInnen sehr gut. Deshalb haben wir einige Tipps für Sie gesammelt, damit Ihr Auftritt vom Schreck- zum Genussmoment werden kann.

Für mich ist es zum Beispiel außerordentlich wichtig, dass die Rahmenbedingungen für meinen Auftritt stimmen. Gute Rahmenbedingungen sind für mich kleinere Veranstaltungen oder Netzwerktreffen mit bis zu 30 TeilnehmerInnen. Am besten in meiner Kraft bin ich, wenn die Veranstaltung liebevoll und achtsam moderiert wird, es harmonisch und kooperativ zugeht und der Raum eine "gute Energie" hat. Alles andere überfordert mich.


Siehe dazu auch mein Artikel "Ist Netzwerken nur etwas für die Lauten?".

Sich stressfrei zeigen

Liebe Ulrike, wie siehst du das? Welche Tipps kannst du introvertierten Hochsensiblen in Sachen Auftritt geben?

Zunächst einmal lieben Dank, Inga, dass du mich zu diesem Gedankenaustausch eingeladen hast! Ich finde den Aspekt spannend, den du mit mir beleuchten möchtest: die Herausforderung, öffentlich aufzutreten und sich einem großen Publikum zu präsentieren. Wenn ich mir das so recht überlege, entscheidet sich wohl häufig an dem Punkt, ob jemand beruflich so erfolgreich wird, wie er/sie es gerne sein möchte und im Grunde auch zu sein vermag.

Sich vor vielen unbekannten Menschen zu Wort zu melden und über sich selbst, seine Ansichten, seine Anliegen und seine Angebote zu sprechen, kostet in der Tat eine gewisse Überwindung. Vor allem für diejenigen, die das noch nicht gewohnt sind. Mehr noch für eher zurückhaltende, introvertierte Menschen. Und noch einmal mehr für introvertierte hochsensible Menschen.

Hochsensiblen macht es naturgemäß mehr als Nichthochsensiblen aus, wenn viele Augen auf sie gerichtet sind und sie sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wissen. Ihre Gedanken in dem Moment überschlagen sich, „Werde ich das Richtige sagen?", „Was werden die Zuhörer von mir denken?", „Wie werde ich ankommen?", „Kann ich erreichen, was ich möchte?". Die Komplexität des Denkens, in vielen Fällen eine ausgesprochene Stärke der Hochsensiblen, führt in der Situation zu noch mehr Aufregung. Ich halte es für wichtig, das zu verstehen und diesbezüglich verständnisvoll und nachsichtig mit sich selbst zu sein.

Nun aber zu den Tipps, nach denen du mich gefragt hast. Ich empfehle, einen Kurs oder eine Schulung im freien Sprechen vor Publikum zu besuchen. Man kann doch nicht von sich erwarten, das Auftreten und Präsentieren einfach so zu beherrschen. Alles Mögliche erlernen und trainieren wir, das aber in der Regel nicht. Dabei kann man es lernen und einüben. Es gilt der Spruch: Übung macht den Meister! Daher sollte man dann auch jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um vor mehreren bis hin zu vielen Menschen zu sprechen. So verliert diese zunächst heikle Situation nach und nach ihren Schrecken. Und mit der Zeit wird man womöglich sogar Gefallen daran finden, sich Gehör zu verschaffen, für sich einzutreten und andere Menschen für seine Herzensprojekte zu gewinnen. Gefallen daran, spürbare Wirkung zu haben. Ja, Auftritte können Genussmomente werden, so wie du es in der Unterüberschrift schreibst!

Noch etwas zu den Umgebungsbedingungen. Sie spielen in der Tat eine ungeheuer große Rolle. Nur können wir sie leider nicht immer nach unseren Wünschen und Bedürfnissen wählen und gestalten. Ich denke da an verschiedene Vorträge über Hochsensibilität, die ich unter wirklich ungünstigen Bedingungen zu halten hatte. Einmal am Rande einer kleinen Gesundheitsmesse, die in einer großen Halle standfand. Der Vortragsbereich war nur durch Stellwände abgetrennt, die allerdings kaum die Geräusche aus der Halle abhielten. Ich war so abgelenkt, dass ich wirklich nur mühsam meinen Faden behalten konnte. Dann bei einem Tag der Selbsthilfegruppen in Stuttgart im Rotebühlzentrum. Noch lange nach Vortragsbeginn kamen ständig weitere Leute hinzu, immer wieder ging die Tür auf und zu, die Stühle reichten nicht aus, es wurden weitere Stühle herbeigeschafft. Das stiftete extrem viel Unruhe. Ich baute das in meinen Vortrag mit ein, sagte, dass Hochsensible – und auch ich – mit widrigen Umgebungsbedingungen schwer zu kämpfen haben. Dafür hatte ich Anschauung! Dann half es mir, zunächst meinen Blick vornehmlich auf die still sitzenden, aufmerksamen Zuhörer in den vorderen Reihen zu heften. Dort saßen glücklicherweise viele freundliche Menschen. Das machte mir Mut, dem Publikum meinen Vortrag bestmöglich darzubieten.

Herzklopfen

Viele meiner hochsensiblen KundInnen hadern mit sich. Sie fragen sich, warum es scheinbar allen anderen so leicht fällt, sich zu zeigen und die eigene Position oder das eigene Unternehmen selbstsicher zu vertreten, während sie selbst vor Herzklopfen fast umkommen.

Buchcover "Hochsensible Menschen im Coaching"
Buchcover "Mit viel Feingefühl"

Liebe Ulrike, du hast zwei Bücher zum Thema Hochsensibilität geschrieben. Was meinst du, warum es für viele Hochsensible so schwer ist, vor vielen Menschen zu sprechen?


Wenn wir aufgeregt sind und starkes Herzklopfen haben, meinen wir, dass das ganz sicher auch andere merken. Holt man sich Feedback ein, wundert man sich, dass das längst nicht so auffällt, wie wir denken. Ein gewisses Lampenfieber gehört wohl zu jedem Auftritt. Das sagen selbst routinierte Schauspieler (von denen im Übrigen bestimmt sehr viele hochsensibel sind!).
Kennzeichnend für Hochsensible ist, dass sie intensiver wahrnehmen und fühlen. Dazu gehört entsprechend, dass sie eine natürliche Aufregung in Auftrittssituationen intensiver spüren als andere und dadurch oft irritiert und zusätzlich verunsichert sind. Das zu wissen, kann schon etwas helfen.

Hinzu kommt, dass man sich natürlich mit jedem Auftritt exponiert und nicht sicher weiß, was folgt. Welche Fragen, welche Reaktionen, welche Rückmeldungen werden kommen? Wie gut werde ich damit umgehen können? Ich denke, es geht im Grunde darum, sich durch die anfängliche Unsicherheit nicht vom gewünschten Tun abhalten zu lassen. Trotzdem aufstehen, nach vorne gehen, das Wort ergreifen! Das Selbstvertrauen wächst mit den ersten Erfolgserlebnissen und mit mehr Routine. Was mir auch noch sehr wichtig erscheint: Ich denke, man muss von seiner Sache überzeugt und engagiert sein. Das motiviert, gibt Mut und trägt durch aufregende Momente.

Da sprichst du etwas für mich besonders Wichtiges an. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass ich bereit bin nahezu jede Hürde zu nehmen (also auch die des öffentlichen Auftritts), wenn ich für etwas "brenne". Wenn es mir wirklich, wirklich wichtig ist. Und gleichzeitig bin ich ganz besonders aufgeregt, ja fast ängstlich, wenn ich mich mit eben diesem Herzensanliegen ehrlich und wahrhaftig zeigen möchte. Denn dann empfinde ich mich als besonders verletzlich.

Meine Tipps an dieser Stelle:

  1. Augen zu und durch! Ein Sprung ins kalte Wasser wird nicht gemütlicher, wenn man ihn hinauszögert. Und außerdem war das Erweitern der Komfortzone für mich bisher immer sehr gewinnbringend.

  2. Wiederholung schafft Routine und damit Sicherheit und Vertrauen.

  3. So oft wie möglich einen stimmigen Rahmen für den eigenen Auftritt finden (bei mir ist der eben überschaubar, harmonisch, konstruktiv, kooperativ und zugewandt - andere können auch mit konfrontativen Rahmenbedingungen gut umgehen). Und, wenn ich den Rahmen nirgends finde, dann organisiere ich ihn mir selbst. So ist mein Netzwerk wechselzeit entstanden.

Sich im Web zeigen

Nun zu einer besonderen Form des "Sich-Zeigens", dem Auftritt im world wide web. Selbständige Hochsensible kommen gar nicht umhin, zumindest ihre eigene Website zu haben, vielleicht auch einen Blog. Ich selbst bin ein großer Fan des Internets und seiner Möglichkeiten. Für das Schreiben meiner Blogartikel und Posts für diverse Netzwerke kann ich mir ausreichend Zeit nehmen. Was ich dann in meinem Blog und auf Facebook & Co. veröffentliche, hat Hand und Fuß, ist in mir gereift und achtsam formuliert. Das gibt mir Sicherheit für meinen Auftritt im Web. Anderen Hochsensiblen geht das ähnlich. Sie empfinden das Web als für sie besonders stimmige Form des Auftritts. Sozusagen vom eigenen Wohn- oder Arbeitszimmer direkt in die interNETTE Welt. Ohne Ablenkung, ohne anstrengende Anfahrten zu Veranstaltungsorten, dann, wann es für sie gerade passt.

Liebe Ulrike, was sind deine Erfahrungen mit den virtuellen Auftritten für Hochsensible? Worauf achten deine KundInnen und welche Tipps hast du?

Sich in den Sozialen Medien zu präsentieren und als Selbstständiger auch auf einer eigenen Website, erfordert ebenfalls die mutige Entscheidung, sich zu zeigen. Im World Wide Web treten wir ja wirklich – zumindest potenziell – vor ganz vielen Menschen auf. Es lohnt sich, das überlegt anzugehen und sich Zeit zu nehmen. Als Textcoach begleite ich Selbstständige im Dienstleistungsbereich dabei, für sich authentische, aussagekräftige und attraktive Texte zu entwickeln. Es ist immer wieder ein spannender Prozess, bei dem die Darstellung nach außen und die Selbstklärung auf sehr konstruktive Weise Hand in Hand gehen. Die stimmigen Worte zu finden, heißt auch die eigene Positionierung noch bewusster zu bestimmen. Im Übrigen bin ich fest davon überzeugt, dass jemand, der sich in seiner Einzigartigkeit klar und wahrhaftig zeigt, die besten Aussichten hat, Resonanz bei seinen Wunsch-Kunden auszulösen. Meine Aufforderung lautet also: Zeigen Sie sich so, wie Sie sind!

Herzlichen Dank Ulrike für unseren lebhaften Austausch! Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, es waren einige hilfreiche Tipps für Sie dabei?! Wenn Sie Fragen haben, dann kontaktieren Sie gern Ulrike Hensel oder mich. Weiterführende Artikel finden Sie in unser beider Blogs und ausführliche Infos zur Hochsensibilität gibt es in Ulrikes Büchern "Mit viel Feingefühl" und "Hochsensible Menschen im Coaching".

Herzliche Grüße,
Ihre Inga Dalhoff

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