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Wie Hochsensible fühlen

Und warum Gefühle und Empfindungen für Hochsensible so überwältigend sein können

Bunte Farbkleckse

Die Gefühlswelt Hochsensibler ist intensiv und vielfältig. Und sie kann uns ganz schön überwältigen. Denn, was wir fühlen, fühlen wir mit jeder Faser unseres Körpers und unserer Seele. Egal ob das unsere eigenen Gefühle, die Gefühle anderer oder unsere Körperwahrnehmungen sind. All diese Empfindungen zuzuordnen und zu verarbeiten, ist ein bisschen Arbeit, aber auch eine super schöne, spannende und bereichernde Entdeckungsreise.

 

Mehr zu dieser Reise liest du hier.

Körperempfindungen: Alles ist schnell zu viel

Das Schildchen am Kragen meines Pullovers kratzt. Dieses Schildchen mag auch andere kratzen, doch für mich nimmt das Kratzgefühl nach und nach unangenehm viel meiner Aufmerksamkeit ein. Das Schildchen muss raus.

 

Draußen ist es kalt, schneidend kalt, denn es weht ein feuchter, scharfer Wind. Die Kälte kriecht in meinen Körper und beschäftigt mich auch noch zwei Stunden nach meinem Spaziergang, denn sie will einfach nicht aus meinem Körper weichen. 

 

Im Sommer war es unerträglich heiß, mein ganzer Körper schien zu glühen, wie die Luft über der Straße. Am liebsten habe ich mich in dieser Zeit in kühle Räume zurückgezogen und die Abkühlung der Nacht erwartet. 

 

Abends auf der Couch streichelt mein Freund gedankenverloren immer wieder meine Schulter. Mit der Zeit wird die Berührung unerträglich intensiv und macht mich unruhig. Die Hand muss weg. 

 

Neben mir in der U-Bahn sitzt eine Frau deren Parfüm mir in der Nase sticht. Mit der Zeit wird mir von diesem Geruch nicht nur übel, er macht mich auch latent aggressiv. Ich setze mich woanders hin.

 

Kommt dir das bekannt vor? Dann bist du in guter Gesellschaft, denn Körperempfindungen sind für Hochsensible absolut intensiv und raumgreifend, den Moment ausfüllend, das Leben beeinflussend. Jegliche Extreme sind für die wenigsten von uns (außer den High Sensation Seekern, die den Adrenalinkick lieben) gut auszuhalten.  Wir mögen von allem ein gesundes, zartes Maß. Weniger ist für uns absolut ausreichend.

 

Auch Schmerzen und körperliches Unwohlsein werden meinen Recherchen nach von hochsensiblen Menschen intensiver wahrgenommen. Der Vorteil: Wir werden schneller auf körperliche Dysbalancen aufmerksam und können Krankheiten besonders früh vorbeugen. Der Nachteil: Viele Mediziner können uns dabei nicht unterstützen, weil die von uns wahrgenommenen Dysbalancen mit ihren Diagnosemöglichkeiten nicht eindeutig erkannt werden können. Mir hat es sehr geholfen, mir einen gesunden Mix aus Schulmedizinern und Alternativmedizinern zusammenzustellen, die mich in unterschiedlichen Krankheitsphasen begleiten können. 

 

Gefühle - bunt, vielfältig und überwältigend

Auch Gefühle sind für uns groß, bunt, vielfältig und oft auch überwältigend. Wie oft habe ich ergriffen in der Natur gestanden und habe geweint vor Glück ob der Schönheit eines Sonnenuntergangs, der Zartheit eines Schmetterlings, der Einzigartigkeit einer Wasserspiegelung oder der unerhörten und betörenden Vielfalt einer Blumenwiese.

 

Wie oft war ich überwältigt vom Schmerz und der Traurigkeit einer Freundin. Wie oft hat mich die Stimmung meines Partners verunsichert, die Angst eines Kollegen unruhig, die Aufgedrehtheit eines Kooperationspartners nervös gemacht. Wie oft waren meine eigenen Gefühle von Trauer, Wut, Aggression, Fassungslosigkeit, aber auch von Liebe, Freude, Glück und Beseeltheit überwältigend.

 

Wie bunt erlebe ich mein Innenleben. Jedes Gefühl zeigt sich mir an einem anderen Ort im Körper. Jedes Organ hat seine eigene Stimme und übermittelt sein eigenes Gefühl von Wohlsein oder Dybalance. Ein inneres Ja oder Nein zu einer Entscheidung ist (inzwischen ;-) ) klar zu erkennen.

 

Diese Vielfalt in mir zu erforschen, macht mir große Freude, nimmt aber auch ungemein viel Raum ein. Und diese Vielfalt war bisweilen auch verwirrend. Denn bis ich die unterschiedlichen Empfindungen in mir zuordnen konnte, vergingen einige Jahre.

 

Was war mein Gefühl und welches Gefühl hatte ich mir aus Empathie zu eigen gemacht?

(Mehr zum Thema Selbstschutz findest du hier.)

War die Wut, die da in mir tobte, tatsächlich meine oder lebte ich sie stellvertretend für jemanden aus der Familie aus? War diese Unruhe in mir die meine oder übertrug sich die kollektive Unruhe der Gesellschaft auf mich?

 

All das lernte ich mit der Zeit auseinanderzuhalten. Genauso wie die Stimme meines Geistes, die meines Bauches und meiner Intuition und die meines Herzens und meiner Seele. Die Stimmen meiner geistigen Helfer und der Baumwesen, mit denen ich im Kontakt stand und den Energien eines Ortes, eines Hauses, eines Platzes.

 

Ich bin wohl noch lange nicht am Ende meiner so spannenden Forschungsreise und bin überaus dankbar für all die Gespräche mit anderen hochsensiblen und feinfühligen Menschen. Denn diese Gespräche schenken mir die Möglichkeit, meine Wahrnehmung zu teilen, Erfahrungen auszutauschen, Gemeinsamkeiten zu finden, von anderen zu lernen. (Solltest du dir auch Austausch wünschen, dann schließe dich gern der Jahresgruppe für Hochsensible an.)

 

Die Gefühlswelt und Wahrnehmungswelt Hochsensibler ist also überaus bunt. Ein wundervolles Geschenk und auch eine Aufgabe, die es zu meistern gilt - neben den Aufgaben des Alltags. 

 

Wie erlebst du deine Körperwahrnehmungen und deine Gefühlswelt?

Ich freue mich über deinen Kommentar.

 

zart starke Grüße,

deine Inga

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Kommentare: 2
  • #1

    Solveig (Mittwoch, 28 April 2021 18:09)

    Hallo,
    ich bin in einigen Bereichen sehr sensibel/sensitiv. Ich bin sehr wetterfühlig, "einkaufen am Samstag" würde ich mit "Selbstmordkommando" übersetzen, wenn ich mich zu vielen Reizen aussetzen muss, bekomme ich Migräne. Ich kann sehr genau wahrnehmen, wie es einem anderen Menschen geht. Veränderungen in meinem Leben (insbesondere unerwartete) hauen mich aus den Socken oder beschäftigen mich sehr intensiv. Nun habe ich eine Frage, ob du das nach deiner Erfahrung auch zu diesem hochsensiblen Komplex dazuzählen würdest: Wenn ich in irgendeiner x-beliebigen Situation bin, kommen die zugehörigen Gefühle/Emotionen oft erst Stunden, manchmal Tage später so richtig hoch, sowohl die negativen als auch die positiven. Interessanterweise ist das anders, wenn ich Mails lese, dann bin ich meistens unmittelbar betroffen, erfreut, verärgert, glücklich. Meinst du, das hat mit der Sensibilität zu tun, oder ist das vielleicht eher einfach "ich"...?
    Ich finde deine Webseite sehr schön!
    Solveig

  • #2

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 29 April 2021 11:37)

    Liebe Solveig,

    oh, das ist ein wundervoller Beitrag und eine sehr wertvolle Frage. Danke dir, Solveig.

    Auch ich kenne diese zeitversetzten Reaktionen auf Erlebtes. Gerade dann, wenn mich viele Eindrücke auf einmal erreichen und mich der Alltag erst einmal mit anderen Aufgaben beschäftigt. In diesen Fällen oder wenn ein Erlebnis besonders intensiv und emotional ist, dann kommen viele der eigenen Empfindungen so wie bei dir zeitversetzt hoch, wollen betrachtet, zugeordnet, verstanden und durchlebt werden. Und bis alles Erlebte mit all seinen Erkenntnissen verarbeitet ist, kann das einige Tage und Wochen dauern.

    Bei E-Mails bin ich ähnlich wie du auch unmittelbarer dabei. Wohl weil viele zusätzliche Reize entfallen und ich mich in der Regel voll und ganz auf eine Nachricht fokussieren kann.

    Auch in der Jahresgruppe für Hochsensible haben wir dieses Thema immer mal wieder beleuchtet. Dieses Phänomen ist also unter Hochsensiblen durchaus üblich.

    Und deswegen: Ja, ich bin der Meinung, dass die zeitversetzte (Nach-)Bearbeitung von Gefühlen und Emotionen aus vergangenen Erlebnissen mit der Hochsensibilität zusammenhängt. Meinem Empfinden nach, nehmen wir die Gefühle und Emotionen bereits in der Entstehungssituation in uns auf, aber der Verarbeitungsprozess nimmt dann seinen Lauf, wenn Raum und Zeit dafür vorhanden ist.

    Ich hoffe, das hat deine Frage beantwortet?!

    Alles Liebe und lebe deine zarte Stärke!
    Deine Inga