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Wut - Für Hochsensible kaum auszuhalten

Vom Umgang mit unangenehmen Gefühlen

wütendes Männchen

Wir Hochsensible sind beschenkt mit einer sehr bunten und intensiven Wahrnehmung und Gefühlswelt. Für mich sind meine Gefühle oft überwältigend. Freude, Glück und Dankbarkeit kann ich so intensiv erleben, dass ich in Tränen aufgelöst bin. Einige meiner Freunde verwirrt das immer noch sehr. Es fällt ihnen schwer zu verstehen, dass ich manchmal weine, weil ich so überwältigend glücklich bin oder weil der Sonnenuntergang so unglaublich schön ist.

 

Die Schattenseite dieser Medaille ist,

 

dass ich auch die nicht ganz so angenehmen Gefühle in dieser Intensität wahrnehme. Wut zum Beispiel. Es gibt Dinge, die machen mich so wütend, dass ich zittere, einen Tunnelblick bekomme und kaum mehr klar denken kann. Diese Wut nicht ungefiltert an anderen auszulassen, kostet mich viel Kraft.

 

Aber ich habe Übung darin. So viel Übung, dass sich die Wut meist gar nicht mehr im Außen zeigt, sondern sich autodestruktiv in meinem Inneren austobt. Mit dem Ergebnis von psychosomatischen Beschwerden wie Rücken- und Nackenbeschwerden, Migräne oder Verdauungsproblemen.

 

Im Austausch mit anderen Hochsensiblen erfahre ich immer wieder, dass Wut ein großes Thema für sehr viele von uns ist. Deshalb fasse ich mir ein Herz und schreibe heute über meine Wut. Warum ich mir dazu ein Herz fassen muss? Weil ich meine Wut immer noch ein kleines bisschen unangenehm finde. Ich schäme mich doch öfter für sie, wenn ich sie nicht rechtzeitig als Zeichen für eine Unstimmigkeit erkannt habe und für mich eingetreten bin, wenn sie doch einmal mit voller Wucht ausbricht. Denn meine Überlebensstrategie war immer „Nettsein“. Und Wut gilt in unserer Gesellschaft nicht als nett.

 

Ungebetene Erfahrungen als Geschenk

Vor zwei, drei Jahren machte mir unser Vermieter in diesem Zusammenhang ein ungebetenes Geschenk (freilich konnte ich das Geschenk erst sehr viel später als solches erkennen) ;-):

 

Unser Vermieter hatte beschlossen, sein Haus zu sanieren. Das hieß: Neues Dach, neue Außendämmung, neue Heizung, neue Bäder, neue Küchen. Den Lärm, der damit verbunden war, können Sie sich sicherlich gut vorstellen. Und dass lange nicht alles so lief, wie es hätte laufen sollen, kannst du dir sicherlich ebenfalls vorstellen. Auf jeden Fall dauerte es aufgrund der Sonderwünsche des Vermieters und fehlender Dachdecker zwei Monate, bis allein das Dach endlich fertig wurde. Sehr unangenehm, wenn man im Dachgeschoss wohnt und arbeitet. Und sehr unangenehm, wenn die Dachdecker eine innige Beziehung zum Radio haben.

 

Jeden Morgen führte ich das gleiche Gespräch mit den Dachdeckern, das Radio bitte nicht direkt vor unseren Fenstern aufzustellen, da ich versuchte zu arbeiten und mein Freund je nach Schichtplan versuchte seine Nachtschicht zu verarbeiten und sich auszuschlafen. Ich fühlte mich wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und wurde von Tag zu Tag unleidlicher und wütender. Ich fand es respektlos, unseren Wunsch nicht zu respektieren. Zumal es eine unbewohnte Nachbarwohnung im Dachgeschoss gab. Dort hätte das Radio stehen können, ohne uns allzu sehr zu belästigen.

 

Mit der Zeit kam ich überhaupt nicht mehr zur Ruhe, hatte Schlafstörungen, Magen- und Darmbeschwerden und extreme Muskelverspannungen. Kurzurlaube und Arbeitsaufenthalte in meiner alten Heimat brachten keine Erholung.

 

Und so kam, was kommen musste: Nach einigen Wochen konnte ich nicht mehr nett sein und mich nicht mehr beherrschen. Meine Wut brach sich endlich Bahn und ich schrie. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal geschrien habe, wahrscheinlich als Kind. Aber nun schrie ich die Dachdecker an, dass ich das Radio jetzt und sofort vom Dach werfen würde, wenn sie es nicht augenblicklich wegstellen würden. Und siehe da, das Radio wurde kommentarlos weggestellt. Jetzt endlich hatten mich die werten Herren verstanden. Was alle höflichen Formulierungen, was alle Appelle an die Kompromissbereitschaft und das Verständnis der Dachdecker nicht vermocht hatten, hatte mein Wutausbruch geschafft: Das Radio verschwand, wenn auch nur für einige wenige Tage.

 

Und mir ging es besser. Die Verspannungen legten sich ein wenig. Und ich fühlte mich befreit. Die Erfahrung, wie anstandslos die direkte und ungefilterte Äußerung meiner Wut hingenommen wurde, überraschte mich. Niemand war mir böse. Im Gegenteil. Fortan wurde ich von den Handwerkern mehr respektiert als jemals zuvor.

 

Was Hochsensible wütend macht

Von anderen Hochsensiblen höre ich, dass sie oft aus ganz ähnlichen Gründen wie ich selbst wütend werden. Ob Kinder oder Erwachsene, wir Hochsensiblen können es nicht ausstehen, wenn es irgendwo ungerecht, respektlos oder unachtsam zugeht. Wenn wir uns in unserer Freiheit eingeschränkt fühlen. Wenn wir das Gefühl vermittelt bekommen, nicht „normal“ zu sein. Wenn uns nicht genügend Zeit und Stille eingeräumt wird, um unsere vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten. (Das betrifft besonders hochsensible Kinder, die für ihre diesbezüglichen Wünsche noch nicht verbal eintreten können und denen mit Schule und Nachmittagsprogrammen oftmals ein Alltag zugemutet wird wie einem erwachsenen Arbeitstätigen.) Wenn uns jemand „Geschichten“ erzählt, uns anflunkert. Und in meinem Fall auch gern, weil die Welt so ungerecht und der Mensch an sich so unvollkommen ist. :-)

 

Warum sich Hochsensible für ihre Wut schämen

Die meisten Hochsensiblen teilen das Gefühl der Scham bezüglich der eigenen Wut. Weil sie von der Wut anderer schier überrollt werden können und das als sehr unangenehm empfinden, wollen Hochsensible um keinen Preis andere ihre Wut spüren lassen. Oftmals haben wir als Kind erlebt, dass wir nicht willkommen sind, wenn wir wütend sind. So oder so neigen Hochsensible in der Vermeidung der eigenen Wut wie in allen anderen Dingen gern zum Perfektionismus. Nicht unbedingt zum Vorteil der seelischen und körperlichen Gesundheit.

 

Die heilende Kraft der erlaubten Wut

Ich durfte die heilende Kraft meiner Wut in den vergangenen Jahren ganz neu erleben. Denn ich machte eine überwältigende Erfahrung: Dadurch, dass ich mir meine Wut erlaubte, kehrte eine lange abhanden gekommene Lebendigkeit zurück. Mit der Deckelung meiner Wut, hatte ich mir meine eigene Lebendigkeit und auch meine Durchsetzungskraft genommen.

 

Mut zur Wut

Mit diesem Artikel möchte ich dir Mut machen, zu deiner Wut zu stehen. Meine Wut ist mir immer wertvolles Zeichen für Unstimmigkeiten, Ungerechtigkeiten oder übergangene Bedürfnisse gewesen und hat mir stets einen guten Dienst in Sachen Selbstbehauptung und Gestaltungsmacht erwiesen. 

 

Der Artikel soll dir deshalb auch Mut machen, ehrlich zu erkennen, wann du selbstzerstörerisch handelst und wann deine Wut Ergebnis einer andauernden Selbstverleugnung ist.

 

Oftmals sind wir wütend, weil es „da draußen“ so laut oder so unachtsam zugeht. Das kenne ich auch. Mir ist das Außen aber eigentlich nur Spiegel meiner selbst. Der Lärm im Außen nervt mich manchmal deshalb so sehr, weil ich mir selbst nicht die nötige Ruhe und die wichtigen Pausen gegönnt habe, die ich brauche. Oder weil ich selbst gerade nicht am Leben teilnehme, mich meiner eigenen Lebendigkeit beraubt habe, mir eine Herzensaufgabe fehlt, die mir Lebendigkeit schenken könnte.

 

Vom Zauber und der Macht des ersten Moments

Und bitte warte nicht zu lange damit, deiner Wut als Zeichen für Unstimmigkeiten Ausdruck zu verleihen. ;-) Dich für deine Bedürfnisse und die Klärung von Unstimmigkeiten einzusetzen. Denn ich durfte die Erfahrung machen, dass sich meine Wut recht unkontrolliert und verletzend Bahn bricht, wenn ich sie zu lange nicht achte. Unsere Handwerker haben meine Explosion gut ausgehalten, mein Freund, meine Freundinnen oder KundInnen finden es zu recht nicht ganz so gelungen, wenn ich plötzlich zornesrot vor ihnen herumtobe. ;-)

 

Leider habe ich gelernt, meine erste noch ganz zarte Wut als Zeichen für Unstimmigkeiten zu übergehen. Oft spüre ich meine Wut erst, wenn sie schon so groß ist, dass ich sie nur mit großer Kraftanstrengung deckeln kann. Zu dem Zeitpunkt fällt es mir dann schon sehr schwer, mich wertschätzend zu behaupten. Wenn ich meine Wut aber schon frühzeitig erkenne und für mich und meine Bedürfnisse eintrete, dann schenkt sie mir maximale Freiheit. Im Detail gehe ich darauf in der Einführung zur unten verlinkten #HerzBusinessMeditation "Meine Wut ist mein Beitrag zum Weltfrieden" ein. Schau' mal rein!

 

Sortieren und drüber schlafen - erinnerte Wut

Da Wut für uns Hochsensible so überwältigend sein kann, dass wir in der ursächlichen Situation fassungs- und sprachlos sein können, kann es sinnvoll sein, die aufrüttelnde Situation zunächst einmal eine Nacht zu überschlafen und erst am Folgetag ein Gespräch zu suchen. Dabei kann aber die unmittelbare, echte Mitteilung unserer Gefühle leiden.

 

Dennoch empfinde ich es in manchen Situationen als sehr wohltuend, mich erst einmal zu sortieren. Denn es gibt Menschen, die mit ihrem Verhalten eine "erinnerte Wut" in mir auslösen. Z.B. dann, wenn sie sich ähnlich verhalten wie Menschen, die mich einmal sehr verletzt haben. Mein Gegenüber kann also auch nur "Auslöser" einer "erinnerten Wut" sein. In diesem Fall hat mein Gegenüber nichts mit meinem Gefühl zu tun, außer dass er mich an ein Erlebnis erinnert, das noch keine Heilung erfahren hat.

In solchen Fällen kläre ich meine Wut lieber allein mit mir. Außerdem habe ich für mich gelernt, dass ich auch "fremde Wut" in mir trage. Wut, die eigentlich zu Mitgliedern meiner Familie gehört, oder Wut aus einem gesellschaftlichen Kollektiv, wie z.B. dem Frauenkollektiv, das neben der Frauenkraft auch den Schmerz, die Trauer und die Wut über die so alten Missstände der patriarchalen Strukturen in sich trägt und in meinem Frauenkörper wirkt. Auch solche Wut "bearbeite" ich gern für mich selbst. 

Meine bevorzugten Methoden dafür sind die "Innere Kind Arbeit", systemische Aufstellungen oder "Hineinspürübungen". Wenn du dazu Fragen hast, dann melde dich gern per E-Mail bei mir. 

 

Wie erkennst du nun, ob deine Wut eine reine und "aktuelle Wut" oder eine "erinnerte Wut" und vielleicht eine kollektive oder familiäre Wut ist? Meiner Erfahrung nach entwickelt jeder Mensch ein eigenes Gespür für solche Unterschiede.

 

Ich persönlich erkenne "erinnerte, kollektive oder familiäre Wut" oft daran, dass sie mich viel länger beschäftigt und dass sie sehr intensiv ist. Sie lässt mich so lange nicht los, bis ich sie in all ihren Facetten wahrgenommen, anerkannt und respektiert habe. Sie lässt mich auch dann nicht los, wenn ich mit dem "Auslöser" ein gutes Gespräch geführt habe (weil sie ja in der Regel nichts mir dem Auslöser und der aktuellen Lebenssituation zu tun hat). 

 

Meine "aktuelle Wut" erkenne ich daran, dass sie recht schnell verfliegt, wenn ich mich selbst behaupte oder für meine Bedürfnisse einstehe. 

 

Wenn du noch mehr Anregungen zum Thema Wut suchst, z.B. wie du feststellst, ob die von dir empfundene Wut die deine ist oder vielleicht die aus deinem Familiensystem oder aus einem Kollektiv, dann schau dir gern mein unten verlinktes Video oder die HerzBusinessMeditation an. Mehr über die wöchentlich stattfindenden, kostenfreien Online-Meditationen findest du hier.

  

5-Min. Video: Warum Wut und Neid gute Beraterinnen sind

HerzBusinessMeditation: Meine Wut ist mein Beitrag zum Weltfrieden


 

Ich bin sehr gespannt auf deine Reaktionen auf diesen Artikel. Und ich freue mich sehr zu lesen, ob du Wut auch kennst und wie du mit ihr umzugehen gelernt hast.

 

Lebe deine zarte Stärke!

Alles Liebe, deine Inga

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Kommentare: 7
  • #1

    Monika König (Dienstag, 17 Januar 2017 20:22)

    Vielen herzlichen Dank für Ihren Artikel. Es macht mir Mut, bewusster mit meinen Gefühlen umzugehen. Ich habe immer Angst vor der Reaktion der anderen. Ich werde mich darum bemühen, meinen Gefühlen mehr Raum zu geben und mir mehr Ruhe zu ermöglichen. Ich erlaube mir mein vielschichtiges Inneres!! Danke dafür!!

  • #2

    Anne Weiß (Mittwoch, 18 Januar 2017)

    Danke für den sehr schönen Artikel liebe Inga ;-)
    Ja, kann ich nur bestätigen: wenn's innerlich zu kochen beginnt kann es bei aller Selbstreflektion und Spiegelungen im Außen sehr hilfreich sein dass, was zum 'Auslöser' gehört auch klar zum Ausdruck zu bringen, bevor man es in 'antrainierter Opferhaltung' in sich abspeichert. Letztendlich war der Handwerker im Hier und Jetzt derjenige, welcher sein Radio zu laut aufgedreht hat ... und das darf man ihm auch mal sagen, denn manche merken das sonst einfach nicht ;-)

  • #3

    Inga Dalhoff (Mittwoch, 18 Januar 2017 10:38)

    Liebe Monika, liebe Anne,

    herzlichen Dank für Ihre und deine Rückmeldungen zu meinem Artikel. "Ich erlaube mir mein vielschichtiges Inneres". Was für ein schöner Satz.

    Ich wünsche Ihnen und dir (und mir ;-)) ein ganz lebendiges Jahr 2017, in dem alle Gefühle erlaubt und willkommen sind und der Mut vorhanden ist, diese Gefühle unmittelbar mitzuteilen. ;-)

    Herzliche Grüße, Inga

  • #4

    Monika Völkl (Mittwoch, 18 Januar 2017 17:34)

    Liebe Inga,

    lieben Dank für den Wut-Artikel. Ich kenne Wut bestens. Als Kind nannten mich viele "Rumpelstilzchen". Doch im Vergleich zu Deiner Erfahrung fanden die Erwachsenen um mich herum es "so niedlich" und lachten. Was mich noch wütender machte. Und bei mir eine Sperre dahingehend auslöste dass ich mich mit meiner Wut nicht ernst genommen fühle. Durch Achtsamkeits-Methoden lerne ich mehr und mehr, die Wut einfach nur zu spüren, sie zu beobachten und da sein zu lassen. Sie nicht zu bewerten, sondern ihr den Platz im "Fühlen" ebenso zu geben wie Traurigkeit oder Freude. Allerdings teile ich Deine Erfahrung, dass in manchen Situationen die Wut auch ausgedrückt werden darf. Gerade im männlichen Umfeld wird eine "nette Sprache" nicht verstanden. Wut dagegen bzw. eine klare Ansage verstehen Männer.

  • #5

    Sabine (Mittwoch, 18 Januar 2017 18:49)

    Beim Lesen standen mir Tränen in den Augen, so sehr erkannte ich mich selbst wieder!
    Danke!

  • #6

    Manuela (Mittwoch, 18 Januar 2017 21:14)

    Liebe Inga,
    oder die andere Variante, einfach nicht spüren, ich kannte nämlich meine Wutkraft gar nicht, ich hatte als Kind gelernt Wut nicht zu spüren und sie eben nicht zu verstärken, sie war zu gefährlich. Dabei ist die Wut spüren so wichtig, um sie als Veränderungskraft zu nutzen. Hier hat mir unter anderem das Buch von Vivian Dittmar "Gefühle eine Gebrauchsanweisung" geholfen auf Entdeckungsreise zu gehen. Auf ihrer Webseite finden sich dazu noch weitere Infos, sie ist Expertin insbesondere im gesunden umgang damit. http://viviandittmar.net/buecher/gefuehle-und-emotionen/
    herzlichen Gruss Manuela

  • #7

    Inga Dalhoff (Donnerstag, 19 Januar 2017 11:36)

    Liebe Monika, liebe Sabine und liebe Manuela,

    auch euch danke ich von Herzen für eure ehrlichen Rückmeldungen zu meinem Artikel.

    Mir ist der Erfahrungsaustausch unter Hochsensiblen sehr wertvoll und ich finde es grandios, dass er auch in diesem Blog stattfindet. Es ist so bereichernd, ermutigend und auch entlastend zu lesen, wie ihr eure zart starke Seite wahrnehmt und an welchen Aufgaben ihr zu knabbern habt und zu wachsen gelernt habt. Was für ein Geschenk!

    Danke für eure Ehrlichkeit und eure Buch- und Achtsamkeitstipps!

    zart starke Grüße, Inga