AD(H)S oder hochsensibel?

Buchtipp: "Die ADHS-Lüge" von Richard Saul

 

Seit ich als Begleiterin für Hochsensible und Feinfühlige tätig bin, stoße ich dann und wann auf AD(H)S-Diagnosen. Und seit ich mit der Nachmittagsbetreuung für hochsensible Kinder begonnen habe, werde ich noch häufiger mit AD(H)S konfrontiert.

 

Was ist AD(H)S?

ADS steht für Attention-Dysorder-Syndrom (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). Bei ADHS kommt Hyperaktivität hinzu.

 

Klassische Symptome von AD(H)S sind: Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen, fehlende Selbstorganisation, leichte Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Impulsivität, innere Unruhe, Unterbrechen anderer, Ruhelosigkeit, Zappelei u.ä.

 

Diagnosen mit Vorsicht zu genießen?

Ich habe AD(H)S-Diagnosen immer etwas kritisch gegenübergestanden. Denn ich hatte mehrmals die Erfahrung gemacht, dass Betroffene einfach nicht in die gesellschaftliche Norm passten und deshalb als „krank“ bewertet wurden. Es schien einfach, ihnen eine Diagnose wie AD(H)S zu stellen und ihnen Medikamente wie Ritalin (das immerhin abhängig machen kann und erhebliche Nebenwirkungen hat) zu empfehlen.

 

Bei meinen Kunden stellte sich aber heraus, dass sich hinter den Symptomen, die bei ihnen zu einer AD(H)S Diagnose geführt hatten, ganz normale Stressreaktionen verbargen. Stressreaktionen, die durch sinnliche Überbeanspruchung oder kognitive Unterbeanspruchung verursacht wurden. Sprich sie waren entweder hochsensibel und vom lauten Trubel am Arbeitsplatz oder in der Schule überfordert oder hochbegabt und langweilten sich. Sobald wir etwas an den Rahmenbedingungen änderten, ging es diesen Menschen hervorragend.

 

Buchentdeckung

Als ich kürzlich in der Leihbibliothek auf das Buch „Die ADHS Lüge – Eine Fehldiagnose und ihre Folgen“ von Richard Saul stieß, fühlte ich mich bestätigt. Ein Buch, das sicherlich an der ein oder anderen Stelle provokant erscheint. Aber dafür auch eines, das den Blickwinkel auf AD(H)S weitet. Ausführlich geht Saul auf 16 mögliche Ursachen für die Auslösung der klassischen AD(H)S Symptome ein.

 

Betroffene oder auch Eltern betroffener Kinder können hier erst einmal in Ruhe nach möglichen Ursachen für die AD(H)S Symptome suchen und diese ggf. gemeinsam mit (Fach-) Ärzten testen bzw. ausschließen, bevor sie sich für eine Ritalin-Einnahme entscheiden.

 

Mögliche Ursachen für AD(H)S-Diagnosen

Manchmal kann die Lösung für „auffälliges Verhalten“ in Schule oder Berufsleben ganz einfach sein. Saul zählt z.B. Seh-, Hör-, Schlaf- und Lernschwierigkeiten wie Dyskalkulie oder Legasthenie sowie Hochbegabung dazu. Auf Hochsensibilität wie ich sie kenne und definieren würde, geht Saul leider nicht ein. Aber das Kapitel „Sensorische Verarbeitungsstörung“ kommt dem einigermaßen nah. Wobei ich Hochsensibilität eher als besonderes Talent, denn als Störung sehe (siehe Artikel "Was ist Hochsensibilität?").

 

Bei Richard Saul finden aber auch Depressionen bzw. bipolare Störungen, Schizophrenie, Zwangsstörungen, Tourette- und Asperger-Syndrom sowie Fetales Alkoholsyndrom und Fragiles-X-Syndrom Raum.

 

Jede der Schwierigkeiten und jedes der Syndrome wird im Buch einfach und anhand von Praxisbeispielen erläutert. Zusätzlich beschreibt Saul, wie er mit diesen Krankheiten oder Auffälligkeiten verfährt und wie sie seiner Meinung nach behandelt werden können. Aber hier kann der geneigte Leser ja selbst entscheiden und ggf. auch andere Wege gehen. :-)

 

Résumé: Empfehlenswert

Alles in allem finde ich dieses Buch sehr empfehlenswert für AD(H)S-Betroffene, für Eltern von AD(H)S-Betroffenen, für Hochsensible & Hochbegabte, für Lehrer, Pädagogen und Ärzte, für Berater und Coachs - einfach für alle, die sich angezogen fühlen.

 

zart starke Grüße

Ihre Inga Dalhoff

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Kornelia Reichl (Montag, 09 Januar 2017 14:23)

    LIebe Inga,
    danke für Deine Recherche im Bereich des ADHS - Problems. Es ist aus meiner Sicht sehr nützlich, Wissen von außen zu bekommen. Ich bin Mutter von 4 Söhnen. Unsere Zwillinge hatten Probleme mit der Integration im Kindergarten, im Schulsystem und mit ihren täglichen Auffälligkeiten. Warum schreibe ich "hatten"!? Sie sind 23 Jahre alt und handeln selbstbestimmt, mit sich wertschätzend und intelligent. Rückblickend kann ich einen achtsamen Umgang mit den Einflussfaktoren: Ernährung, Rahmenbedingungen fürs Kind entlastend gestalten, einschließlich der Korrektur des eigenen Verhaltens empfehlen. Die Dauerübung "Liebe zum eigenen Kind" über alles andere Wichtige zu stellen, hat mich täglich herausgefordert. Im Nachhinein gesehen war dass die wertvollste Neuerung, denn Sie ahmen es bis zum heutigen Tag nach und geben es an Andere weiter. Es hat sich gelohnt viel zu investieren und keine Medikamente zu geben!!!

    Herzliche Grüße
    Kornelia Reichl

  • #2

    Inga Dalhoff (Montag, 23 Januar 2017 14:46)

    Liebe Kornelia,

    ich danke dir sehr für deinen so persönlichen und ermutigenden Einblick in die Herausforderungen des Mütter-Daseins!

    Dir, deinem Mann und euren vier Söhnen weiterhin alles Gute!

    Lieben Gruß, Inga