Wie Geschichtenerzählen Ihr Leben verändern kann

Storytelling oder die Macht der Geschichten - Gastbeitrag von Marion Ziegelwanger

Männchen sitzen erzählend um ein Feuer herum

Wir Menschen sind Geschichten erzählende Wesen. Nicht erst, seit wir Bücher schreiben und Filme machen. Die ersten Geschichten erzählte man sich vor vielen hunderten Jahren rund um das Lagerfeuer. Damals dienten sie weniger der Unterhaltung denn mehr als Wegweiser für die Menschen des Clans. Die ersten bekannten Erzählenden waren die Schamanen.

 

Von Schamanen & Heilern

Jene, die heute als hochsensitiv gelten, wären früher zu einem großen Teil entweder Schamanen oder Heiler gewesen. Die Schamanen erzählten ihre Geschichten, um die Menschen etwas zu lehren, ihr Wissen zu teilen und wichtige Dinge mitzuteilen: seien es die besseren Jagdgründe, der bevorstehende Wetterwechsel oder auch das Überliefern von Wissen für nachfolgende Generationen. Wer sonst hätte dafür gesorgt, dass die Nachkommen den günstigstes Zeitpunkt für den Anbau oder die Ernte von Feldfrüchten kennen?

 

Geschichten können die Welt verändern

Geschichten sind auch auf eine andere Art nützlich: Sie können die Welt verändern, sie zu einem „besseren“ Ort machen. Denn sie geben uns Orientierung in schwierigen Zeiten und zeigen uns einen Weg, wie wir unser Leben vielleicht besser meistern können. Nicht zuletzt schaffen sie ein Gefühl der Verbundenheit, wenn wir die Geschichten teilen und uns anderen mitteilen.

 

Durch das Erzählen, aber auch durch das Zuhören, bekommen wir wieder einen anderen Blick auf das, was wie wir uns selbst und unser Leben sehen. Denn durch das Erzählen einzelner Episoden geben wir der Geschichte, die unser Leben ist, eine bestimmte Bedeutung. Durch das Weglassen von wesentlichen – vielleicht uns schmerzhaften – Teilen lenken wir sie bewusst oder unbewusst in eine andere Richtung. Das kann durchaus okay sein. Über manches schweigt man besser, als es in alle Welt zu posaunen.

 

Das Erzählen der eigenen Geschichte hat heilende Wirkung

Wir sollten dabei auch etwas anderes mitdenken, bevor wir uns in ein für uns Hochsensitive oft angenehmes Schweigen hüllen: Das Erzählen der eigenen Geschichte hat eine heilende Wirkung. Das wussten schon die indianischen Völker und sahen das Erzählen als Medizin. Dabei wurde ein Redestab im Kreis vom einen zum anderen weitergereicht. Jener, der ihn hielt, durfte sprechen. Alle anderen durften schweigen und zuhören. Er gilt als Stab der Wahrheit. Darum ist man als Redende angehalten, authentisch zu bleiben; zum eigenen Wohle. Durch das Zuhören zeigt man tiefen Respekt und wird so selbst ganz Aufmerksamkeit. Meist hat das Gehörte etwas mit einem selbst zu tun. So kann jeder sich etwas mitnehmen – für das eigene Leben und die daraus resultierende Geschichte.

 

Wer einmal aufmerksam zugehört hat, weiß, dass Worte auf den Körper wirken. Sie werden wirklich. Das Wort „hämmern“ etwa aktiviert im Gehirn die gleichen Verschaltungen, als würden wir tatsächlich einen Nagel mit dem Hammer einschlagen. Das Sprechen an sich und das Erzählen von Geschichten ersetzt die früher nur handgreiflichen Formen des Gemeinschaftslebens: Affen lausen und kraulen sich immer noch. Wir Menschen hingegen sprechen miteinander und erzählen uns Geschichten. Nicht nur, wenn wir uns gegenüber sitzen; sondern auch über größere Entfernungen hinweg.

 

Machtfrage

Wer hat mehr zu sagen? Wer ist Zuhörerin und wer ist Erzähler? Das ist nicht nur eine Frage zwischen Mann und Frau, Kind und Erwachsener, Chef und Mitarbeiterin sondern auch zwischen HSP und Nicht-HSP. Wir lernen schon im Kindergarten das Spiel um den Rang und um die Macht. Die einen stehen im Rampenlicht; die anderen scheuen es. Hochsensitive Menschen praktizieren Letzteres meist ein Leben lang. Es fällt ihnen schwer, laut zu sein und ihr Recht zu behaupten. In größeren Runden – auch unter Freunden – sind sie eher die Zuhörer und weniger die Erzählenden.

 

Dank neuer Technik können auch Introvertierte Ihre Geschichten erzählen

Doch muss man heute zum Glück nicht unbedingt laut sein, um gehört und gesehen zu werden. Durch Social Media haben auch Hochsensitive die Macht, nach außen zu treten, ohne dabei direkt unter Scheinwerfer treten zu müssen. So kann ich als Autorin meine Bücher im Eigenverlag publizieren und auf Facebook promoten. Auf der eigenen Webseite bin ich der Herausgeberin; und auch als Bloggerin bleibe ich Herrin der von mir erzählten Geschichten. Geschichten, in denen ich selbst die Heldin bin, die sich auf die Reise begibt, wie Joseph Campbell es in „Der Heros in 1000 Gestalten“ beschrieben hat.

 

Wie Du das Drehbuch deines Lebens entdeckst

Um die Muster deutlicher zu erkennen, die mich als HSP durch das Leben begleiten, nehme ich mir jeden Abend Zeit und schreibe alle wichtigen Episoden des Tages in Form einer kleinen Geschichte nieder. Manchmal ist es wie eine Offenbarung, wenn ich zurückblättere und feststelle, dass sich Dinge, über die ich vor einem Monat noch gegrübelt habe, allein durch das Niederschreiben und sie aus einer erzählten Perspektive zu sehen, fast wie von selbst lösen ließen.

 

Mit diesen abendlichen Seiten kannst auch du das Drehbuch deines Lebens entdecken und leichter als Regisseurin in die Handlung eingreifen. Auf dass du gestärkt aus jedem täglichen Abenteuer hervorgehst und wie in der klassischen Heldenreise nach Campbell zu einer neuen Persönlichkeit gereift bist und mit dem Elixier deinen Heimweg antrittst.

 

Was Die Welt wirklich braucht

Wie sagte der Dalai Lama: „Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art.“

 

Ja, unsere Erde braucht uns: hochsensitive Menschen wie dich und mich.

 

Ich bin eine, die gerne Geschichten erzählt. Wo siehst du dich?

 

Foto von Marion Ziegelwanger

Marion Ziegelwanger

 

HSP und Vielschreiberin (online und offline)

 

verbindet in ihrer Selbständigkeit: Text 1 Storytelling 1 Social Media

 

mein Blog: www.mayell-shortbread.blogspot.com

 

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